22. November 2022
Forschung
  • Jugend
Schülerinnen an einem Klimastreik in Lausanne (Alamy)

Politische Partizipation: Was motiviert Jugendliche?

Jugendliche in der Schweiz wollen politisch gehört und ernstgenommen werden. Damit sie sich aktiv in die Politik einbringen, braucht es niederschwellige Angebote und Mitbestimmungsmöglichkeiten.

Auf einen Blick

  • Eine Studie im Auftrag der eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) hat die politische Partizipation von Jugendlichen in der Schweiz untersucht.
  • Jugendliche in der Schweiz engagieren sich bereits vielfältig politisch, die Zugangsbarrieren sollten aus Sicht der Jugendlichen aber gesenkt werden.
  • Veränderungspotenzial besteht auch bei der vorherrschenden Sicht von Politik und Gesellschaft auf die Jugend.

Demokratie ist mehr als eine Regierungsform: Für den US-amerikanischen Philosophen und Pädagogen John Dewey ist sie «in erster Linie eine Form des Zusammenlebens, der gemeinsamen und miteinander geteilten Erfahrung» (Dewey 2011: 121). Zwar sei Demokratie als Staatsform wichtig, um die Rechte der Bevölkerung zu garantieren – entscheidend seien letztlich aber die Erfahrungen, die jedes einzelne Individuum mit und in der Demokratie mache.

In Bezug auf die politische Partizipation von Jugendlichen bedeutet dies: Junge Menschen müssen Erfahrungen im Umgang mit der Demokratie sammeln können. Laut der UNO-Kinderrechtskonvention haben Kinder und Jugendliche ein Recht auf Partizipation (Reitz 2015). Dies ist deswegen wichtig, weil sie nicht über dieselben Mitbestimmungsrechte verfügen wie Erwachsene und sich darum nur erschwert demokratische Kompetenzen aneignen können. Das Fehlen solcher Kompetenzen kann ein Hindernis für die politische Partizipation im Erwachsenenalter darstellen (Wittwer 2015).

Die Sicht der Jugendlichen

Was verstehen Jugendliche unter politischer Partizipation? Unter welchen Voraussetzungen nehmen sie Partizipationsmöglichkeiten wahr und welche Partizipationsformen sind altersgerecht? In einer Studie im Auftrag der eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) gehen die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und das Forschungsbüro Econcept in Zusammenarbeit mit der HES-SO und SUPSI diesen Fragen nach (Nef et al. 2022). In einem ersten Schritt betrachtet die Studie die politischen Partizipationsformen von Jugendlichen. Zweitens sucht sie nach Beweggründen, warum sich Jugendliche politisch engagieren oder warum sie es nicht tun, und bestimmt hinderliche und förderliche Faktoren. Drittens zeigt sie anhand von Veränderungspotenzialen auf, wie sich die politische Partizipation Jugendlicher verbessern liesse.

Partizipatives Forschungsdesign

Die Fragestellungen wurden von September 2021 bis September 2022 schweizweit sowohl aus der Sicht von Jugendlichen als auch aus der Perspektive von wissenschaftlicher Literatur und von Fachpersonen untersucht. Das Projektdesign war partizipativ und modular angelegt, und es wurden Daten mit qualitativen und quantitativen Methoden erhoben: Die gewonnenen Erkenntnisse einer Phase wurden jeweils für die nächste Phase weiteraufbereitet und so fortlaufend verdichtet.

Am Anfang stand eine Literaturanalyse zwecks Aufarbeitung des Forschungsstands und Erstellung eines Inventars politischer Partizipationsformen. Ferner wurden explorative Interviews mit zehn Fachpersonen durchgeführt. Fünf Barcamps mit insgesamt 102 Teilnehmenden zwischen 12 und 27 Jahren dienten dazu, die Involvierung von Jugendlichen zu einem frühen Zeitpunkt im Projekt anzuregen sowie Perspektiven, Interessen und Erfahrungen abzuholen und Impulse zu generieren (Marquardt und Gerhard 2019). Die gewonnenen Erkenntnisse wurden in zehn Gruppendiskussionen mit 59 Jugendlichen validiert und erweitert. Die Onlinebefragung haben rund 800 Jugendliche ausgefüllt. Schliesslich haben im Rahmen eines virtuell durchgeführten Sounding Boards sieben Jugendliche die Resultate der Studie weiterführend diskutiert.

Dieser Beitrag fokussiert auf Veränderungspotenziale. Dabei geht es nicht nur darum, Jugendliche zu mehr Partizipation zu animieren. Vielmehr wird die ganze Gesellschaft in die Verantwortung genommen.

Auslöser und Motivation

In der Studie wurden die vielfältigen politischen Partizipationspraktiken der Jugendlichen deutlich. Der Partizipationsbegriff geht dabei explizit über die institutionelle Beteiligung (zum Beispiel Abstimmen) hinaus und umfasst auch nicht institutionelle Formen. Zu letzteren zählen beispielsweise Handlungen in Jungparteien, Jugendparlamenten oder aktivistischen Bewegungen. Sie beinhalten aber auch Aktivitäten in der privaten Sphäre – in der Familie, im Freundeskreis, im Verein oder in den sozialen Medien. Politische Partizipation kann nach diesem weiten Verständnis grundsätzlich in jeder Situation und in allen Lebensbereichen stattfinden.

Doch was bringt Jugendliche dazu, sich politisch zu engagieren? Viele beschreiben einen «Moment des Anstosses». Beispielsweise führte ein Jugendlicher in der Fokusgruppe des Tessiner Jugendrats aus, er habe in der vierten Klasse eine Ankündigung am schwarzen Brett der Schule gesehen: «Mi sono reso conto che non sono maggiorenne ma posso fare qualcosa, mi sono detto ‘perché non tentare, perché non far valere anche la mia voce?’» Durch das Plakat sei ihm bewusst geworden, dass er zwar noch nicht volljährig sei, aber dennoch etwas tun könne. Und er habe sich gesagt, warum nicht mal versuchen und seine Stimme geltend machen?

Um die Motivation über längere Zeit aufrecht zu halten, sind die Erfahrungen der Jugendlichen entscheidend. Zentrale förderliche Faktoren sind Anerkennung und Selbstwirksamkeitserfahrungen. Politisch engagiert sind vor allem jene Jugendliche, die sich gehört, gesehen und ernstgenommen fühlen. In der Onlinebefragung geben 84 Prozent der politisch Aktiven an, sie beteiligten sich, weil Politik «uns alle» betreffe. 83 Prozent partizipieren politisch, weil sie über die Zukunft ihrer Generation mitbestimmen wollen. Zudem beabsichtigen knapp drei Viertel der Befragten, sich künftig «mehr oder stärker» politisch zu beteiligen (siehe Grafik).

Zugangsbarrieren

Aus Sicht der Jugendlichen sollen Veränderungen bei Zugangsbarrieren ansetzen, die im Zusammenhang mit Alter, sozialer Herkunft, Schulbildung, Sprachkenntnissen und Staatszugehörigkeit entstehen können. Von diesen Einschätzungen lassen sich insbesondere vier Ansatzpunkte ableiten, um politische Partizipation zu fördern:

  • Erstens könnte ein besserer Zugang zu politischer Bildung sozioökonomische Barrieren abbauen und politisches Interesse wecken. Dies deckt sich mit Erkenntnissen aus der Literatur, die den Einfluss des familiären Hintergrunds hervorhebt (vgl. Zamora et al. 2020) und das eng mit dem Bildungsniveau verknüpfte politische Interesse als Voraussetzung für Partizipation betrachtet (vgl. Lussi et al. 2019; Beyeler et al. 2015).
  • Zweitens sollte der Zugang zu Angeboten niederschwelliger werden – beispielsweise über digitale Kanäle. Konventionelle und institutionalisierte Angebote sind derzeit oft zu weit von den jugendlichen Lebenswelten entfernt.
  • Drittens wollen Jugendliche nicht aus Legitimationsgründen einbezogen werden. Gefragt sind echte Partizipationsmöglichkeiten, durch die sie ermutigt und bestärkt werden. Die Erwachsenenwelt gilt es dafür zu sensibilisieren, dass Jugendlichen angemessene Räume für die politische Partizipation zugestanden werden.
  • Und viertens sollte ein Ausbau der demokratischen Mitbestimmungsrechte in Betracht gezogen werden (vermehrt losgelöst von Staatszugehörigkeit und starren Altersgrenzen). Viele Jugendliche fühlen sich derzeit in der Politik nicht repräsentiert; sie wünschen sich unter anderem junge Menschen in der Politik, die ihre Anliegen vertreten.

In Bezug auf die Mitbestimmungsrechte zeigte sich beim Stimmrechtsalter eine gewisse Diskrepanz zwischen der Literatur und den Meinungen der involvierten Jugendlichen. Letztere betonen, dass Mitwirkungsmöglichkeiten motivierend wirken und politische Partizipation befeuern könnten: Wer es ernst meine mit der Absicht, Jugendliche stärker einzubinden, oder von ihnen vermehrtes Engagement fordere, müsse über eine Senkung des Stimmrechtsalters ernsthaft diskutieren. Demgegenüber kommen weitere Studien für die Schweiz zum Schluss, dass ein tieferes Stimmrechtsalter allein kaum oder nur kurzfristige Auswirkungen zeitige (z. B. Dermont 2021).

Wechselwirkungen treten auf

Wichtige Motivationsfaktoren für die politische Partizipation sind, wie teilweise bereits erwähnt, das persönliche Interesse, die persönliche Betroffenheit, ein vorhandenes Engagement, wie auch Selbstwirksamkeitserfahrungen – das Gefühl, etwas bewegen respektive verändern und mitbestimmen zu können (unter anderem auch über die eigene Zukunft).

Zwischen den einzelnen Motivationsfaktoren scheinen dabei Wechselwirkungen zu bestehen: Wer besser gebildet ist, ist eher interessiert und informiert sich häufiger, was wiederum das politische Verständnis und Interesse stärkt. Ebenfalls hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass sich in den Partizipationsformen gesellschaftliche Muster spiegeln: Geschlecht, Nationalität und Klassenzugehörigkeit haben Einfluss auf politisches Interesse, Selbstvertrauen und Partizipationsgrad. So betonen die Teilnehmenden beispielsweise die Wichtigkeit, bereits früh zu Hause zu erleben, wie die Eltern politisch aktiv seien, abstimmen und angeregt über Themen diskutieren würden.

Die politische Partizipation von Jugendlichen ist in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext zu betrachten. Um Zugangsbarrieren für Jugendliche abzubauen, sind beispielsweise das soziale Umfeld (inklusive Schulen), Anbietende von Partizipationsangeboten sowie Entscheidungstragende in der Politik auf allen Staatsebenen gefordert. Beim Abbau von Barrieren gilt es, die Zielgruppengerechtigkeit zu berücksichtigen und gegebenenfalls zielgruppenspezifische Angebote auszubauen. Denn: Weder die Jugendlichen insgesamt noch die Untergruppen (zum Beispiel nach Alter, Geschlecht oder Staatszugehörigkeit) bilden homogene Gruppen.

Fokus anpassen

Liegt der Fokus statt auf fehlenden Ressourcen oder der defizitären Sozialisation von Jugendlichen auf Ausschlüssen und Diskriminierungen, können spezifische Herausforderungen – wie etwa die politische Partizipation von Jugendlichen mit Beeinträchtigungen – gezielt analysiert werden. Genauso könnte untersucht werden, inwiefern die Verweigerung vollwertiger Zugehörigkeit im Kontext von Migration politische Partizipation verhindert oder alternative Formen der Partizipation hervorruft, die beispielsweise Zugehörigkeit demonstrativ einfordern oder ablehnen.

Zu beachten ist, dass Ungleichheitsmerkmale wie soziale Herkunft oder Migrationshintergrund oftmals verschränkt sind. Zudem reproduzieren aktuelle Diskussionen in Literatur und Praxis über sogenannte bildungsferne Jugendliche, die nicht partizipieren, teilweise sich verstärkende klassistische und rassistische Motive. Unterbelichtet bleiben (auch in der kritischen Diskussion) zudem oftmals die klassistischen Benachteiligungen, die an Schule und Bildung geknüpft sind und stark mit Partizipationsformen und -graden zusammenhängen. Insbesondere sollte der Zusammenhang zwischen Arbeit und politischer Partizipation betrachtet werden: Jugendliche, die nach der obligatorischen Schule ins Arbeitsleben einsteigen oder eine Lehre absolvieren, haben oftmals weniger Zeit für Politik als Jugendliche, die ein Gymnasium oder Studium absolvieren (vgl. Honneth 2021).

Hinzu kommen die Auswirkungen des Bildungssystems, das bei zahlreichen schulisch wenig erfolgreichen Jugendlichen Minderwertigkeitsgefühle erzeugt (Wellgraf 2018). Aufgrund von negativen schulischen Erfahrungen und Fremdzuschreibungen – zum Beispiel durch Lehrkräfte oder Klassenkameradinnen und -kameraden – sind sie relativ oft der Auffassung, dass sie von Politik nichts verstehen oder sich nicht dafür interessieren. Der Zusammenhang von Arbeit, Schule und Partizipation sollte deshalb besser erforscht werden – beispielsweise, indem die konkreten Lebens- und Arbeitsrealitäten Jugendlicher in den Blick genommen werden.

Partizipation anregen

Zusammenfassend lässt sich sagen: Massnahmen zur Förderung der politischen Partizipation Jugendlicher sollten nicht primär darauf abzielen, das Verhalten der Jugendlichen zu ändern, sondern sie sollten auch die vorherrschende Sicht von Politik und Gesellschaft auf die Jugend kritisch hinterfragen.

Um die Motivation zu erhöhen, gilt es, Jugendliche zur politischen Partizipation zu ermutigen. Zugleich sollen die vielfältigen politischen Partizipationspraktiken von Jugendlichen gewürdigt werden. Daraus können Erkenntnisse für gesellschaftliche und institutionelle Innovationen gewonnen werden.

Literaturverzeichnis

Beyeler, Michelle; Bütikofer, Sarah; Stadelmann-Steffen, Isabelle (2015). Ich und meine Schweiz. Befragung von 17-jährigen Jugendlichen in der Schweiz. Beiträge zur Sozialen Sicherheit.

Dermont, Clau (2021). 50 Jahre Frauenstimmrecht und 30 Jahre Stimmrechtsalter 18. Statistik der Schweiz: 17 Politik. BFS.

Dewey, John (2011). Demokratie und Erziehung: Eine Einleitung in die philosophische Pädagogik, 5. Aufl. Weinheim: Beltz. 

Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen EKKJ (2020). Stimmrechtsalter 16: Partizipation stärken und begleiten. Positionspapier. Bern: Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen EKKJ.

Honneth, Axel (2021). Arbeit muss die politische Willensbildung fördern. In: Philosophie Magazin 05/2021, 11–12.

Lussi, Isabella; Huber, Stephan Gerhard; Cattacin, Sandro (2019). Politische Partizipation in der Schweiz. In: Huber, Stephan Gerhard (Hrsg.). Young Adult Survey Switzerland, Band 2. Bern: BBL / OFCL / UFCL, 77–83.

Nef, Susanne; Gisiger, Jasmin; Frigo Charles, Olivia; Gertel, Ethan; Pizzera, Michele; Suppa, Anna; Streckeisen, Peter (2022). Politische Partizipationsformen und Motivation von Jugendlichen sich zu engagieren. Studie im Auftrag des BSV. Beiträge zur Sozialen Sicherheit. Forschungsbericht Nr. 15/22. Bern: BSV.

Wellgraf, Stefan (2018). Schule der Gefühle. Zur emotionalen Erfahrung von Minderwertigkeit in neoliberalen Zeiten. Bielefeld: transcript.

Wittwer, Stefan (2015). Politische Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz. Definition des Begriffs «Partizipation» und Bedürfnisanalyse über die politische Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz. Bern: SAJV.

Zamora, Patrik; Schafroth, Carol; Röder, Claudia (2020). Die politische Bildung in der Schweiz. Zürich: Anny-Klawa-Morf-Stiftung.

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Autorinnen und Autoren

Projektleiterin, Econcept, Zürich
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Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Haute École de travail social et de la santé (HETSL), Lausanne
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Dozentin und Projektleiterin, Departement Soziale Arbeit, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW)
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Dozent, Departement Soziale Arbeit, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW)
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