8. Oktober 2021
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Femmes-Tische/Männer-Tische / Annette Boutellier

Niederschwellige Gesprächsrunden von und für Migrantinnen und Migranten

Die moderierten Gesprächsrunden zu Alltagsthemen in rund 20 Sprachen von Femmes-Tische/Männer-Tische stärken seit 25 Jahren die Chancen und Inklusion der Migrations­bevölkerung. Und sie fördern den sozialen Zusammenhalt in den Quartieren und Gemeinden.

Auf einen Blick

  • Femmes-Tische/Männer-Tische ist ein Kompetenzzentrum für niederschwellige Bildungsangebote rund um Migrationsfragen.
  • Die moderierten Gesprächsrunden funktionieren nach dem Peer-to-Peer-Prinzip in über 20 Sprachen, an 31 Standorten in der Deutschschweiz, in Liechtenstein und der Westschweiz.
  • Die Qualifikation als Moderatorin oder Moderator ist oft ein Sprungbrett in den ersten Arbeitsmarkt.
  • Das Programm von Femmes-Tische/Männer-Tische leistet einen wichtigen Beitrag zur Chancengerechtigkeit und Armutsbekämpfung und gegen die soziale Isolation.

Als der Bundesrat im März 2020 die ausserordentliche Lage erklärte und das Land in den Lockdown schickte, realisierten die Moderierenden der Femmes-Tische/Männer-Tische-Gesprächsrunden schnell, dass die Migrantinnen und Migranten die entsprechenden Massnahmen und Richtlinen nicht verstanden– kein Wunder, sie wurden zu Beginn nur in den Landessprachen veröffentlicht. Zudem erhielten viele Personen von den Verwandten ihrer Herkunftsländer Informationen, die jenen in der Schweiz widersprachen. Es herrschte eine grosse Verunsicherung. Noch Ende März feierte zum Beispiel eine Community eine Taufe mit 200 Gästen. Oder andere erinnerten sich an ihre Flucht und erlebten, eine Re-Traumatisierung und tätigten Hamsterkäufe (Moors et al. 2020).

So funktionieren die Gesprächsrunden

Femmes-Tische/Männer-Tische ist ein niederschwelliges informelles Bildungsangebot von und für Migrantinnen und Migranten. Die moderierten Gesprächsrunden gibt es in über 20 Sprachen – von Albanisch über Farsi, Kurmandschi, Tigrinja bis Türkisch – an 31 Standorten in der Deutschschweiz, in Liechtenstein und der Westschweiz. 2020 fanden über 2600 Gesprächsrunden – davon rund 500 für Männer oder gemischte Gruppen – mit nahezu 12 000 Teilnehmenden statt (vgl Grafik G1).

Femmes-Tische/Männer-Tische bildet Interessierte zu Moderierenden aus und befähigt sie somit, Menschen der gleichen Sprache zu Gesprächsrunden einzuladen und diese zu leiten. Die kostenlosen Diskussionsrunden finden im kleinen Kreis statt, entweder bei jemandem zu Hause, in einem Park oder in einer institutionellen Umgebung (Quartier-, Kirchgemeindezentrum). Bei Bedarf wird ein Kinderhütedienst organisiert. Die Moderierenden führen anhand von Karten, Fotos oder eines Video ins Gesprächsthema ein, doch im Mittelpunkt dieses ­Peer-to-Peer-Angebots steht der Austausch der eigenen Erfahrungen.

Moderierende als Vertauenspersonen

Die Moderierenden von Femmes-Tische/Männer-Tische waren während des Lockdowns manchmal die einzigen Ansprechpersonen. Da sie die Gesprächsrunden sofort auf online umstellten, erfuhren sie von den Ängsten und Sorgen der Migrationsbevölkerung, von drohender Arbeitslosigkeit und den vielen Fragen rund um den Fernunterricht. Sie, die dieselben Sprachen wie ihre Communities sprechen und teilweise über Jahre hinweg ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatten, leisteten Einsätze fast rund um die Uhr. Eine tamilische Moderatorin erzählte, wie sie permanent am Telefon war und erst am Nachmittag dazukam, ihr Mittagessen einzunehmen. Oder eine Moderatorin, die aufgrund der Pandemie bei ihren Verwandten in Brasilien feststeckte, führte ihre Gespräche von dort aus weiter, gab Tipps und Informationen. Alles über Whatsapp – mitten in ihrer Nacht.

Die Moderierenden von Femmes-Tische/Männer-Tische waren während des Lockdowns manchmal die einzigen Ansprechpersonen.

Die Pandemie hat bestätigt, was das Programm von Femmes-Tische/Männer-Tische seit 25 Jahren erfolgreich macht. Es informiert und «übersetzt» wichtige Informationen in die Lebenswelten der Migrationsbevölkerung. Und dies an 31 Standorten in der ganzen Schweiz und in über 20 Sprachen. Durch seinen niederschwelligen Peer-to-Peer-Ansatz gelangt es zu Menschen – auch Eltern und Familien in belasteten Lebenslagen –, die mit formalen Bildungsangeboten kaum erreicht werden.

Sprungbrett für den ersten Arbeitsmarkt

Wie die Pandemie auch aufgezeigt hat, sind die Moderierenden für die Teilnehmenden oftmals die wichtigeren Vertrauenspersonen als die Lehrerinnen und Lehrer oder die Sozialdienste. Die Gesprächsrunden von Femmes-Tische/Männer-Tische sind deshalb nicht einfach ein Angebot für Migrantinnen und Migranten oder vulnerable Menschen, sondern von ihnen und für sie. Selbst Migrantinnen und Migranten, sind die Moderierenden bereits gut mit dem Schweizer System vertraut und dennoch nahe genug an den Lebenswelten ihrer Community, sodass sie eine vermittelnde und integrierende Funktion übernehmen können. Für ihren Job erhalten sie von Femmes-Tische/Männer-Tische eine Aus- und regelmässige Weiterbildungen, Zugang zu sozialen Netzwerken – und Referenzen. Diese Qualifikationen sind häufig eine gute Starthilfe für den Schritt in den ersten Arbeitsmarkt.

Femmes-Tische – auch ein Kompetenzzentrum

 

Femmes-Tische feiert dieses Jahr das 25-jährige Bestehen. Seit 2009 gibt es auch Männer-Tische. Das preisgekrönte Programm funktioniert auf der Basis eines Lizenzsystems. Die nationale Geschäftsstelle erarbeitet gemeinsam mit Fachstellen – wie beispielsweise mit Sucht Schweiz und Selbsthilfe Schweiz – die Moderationsmaterialien und stellt die Qualität sicher. Ein Standort wird eröffnet, wenn dahinter eine regional verankerte Trägerschaft aus dem Bildungs-, Integrations- oder Gesundheitsbereich steht. Die dezentralen Standorte ermöglichen eine wirkungsvolle Ausrichtung des Angebots auf den lokalen Kontext. Femmes-Tische/Männer-Tische ist heute ein gefragtes Kompetenzzentrum für niederschwellige Bildungsangebote rund um Migrationsfragen: Dank ihrer langjährigen Erfahrung arbeitet die Organisation mit anerkannten Fachstellen und Fachleuten sowie mit Schlüsselpersonen der Migrations-Communities zusammen.

Ein niederschwelliges, relevantes und partizipatives Angebot

Für die Teilnehmenden ist das Angebot von Femmes-Tische/Männer-Tische leicht zugänglich. Dank dem Wissen der Moderierenden erhalten die Teilnehmenden wichtige Informationen zu relevanten Sachthemen wie Krankenkassen, Budgetkompetenz, Kindergarten, Schuleintritt, Schule oder Berufswahl. Aber nicht nur. Die Vielfalt rund um die Alltagsthemen ist breit: Diskutiert werden auch persönliche Fragen zum Beispiel zu Sucht (Spiel, Alkohol, Drogen, Medien), Bewegung, Ernährung, Rassismus, Trauma sowie zu physischer und psychischer Gesundheit. Letzteres ist eines der beliebtesten Themen überhaupt. Die Gesprächsrunden funktionieren nach einem partizipativen Ansatz: Alle Teilnehmenden bringen ihre Lebenserfahrung ein, tauschen sich aus, geben weiter. So stärken sie sich gegenseitig.

Diskutiert werden auch persönliche Fragen zum Beispiel zu Sucht (Spiel, Alkohol, Drogen, Medien), Bewegung, Ernährung, Rassismus, Trauma sowie zu physischer und psychischer Gesundheit.

Eine Teilnehmerin sagte in einem Interview in einer kürzlich erfolgten Wirkungsanalyse des Programms, sie bezeichne den Tag, an dem sie die Moderatorin kennengelernt habe, seither als ihren «Glückstag, weil das dazu geführt hat, dass ich von meiner Einsamkeit rauskomme und mich wieder aktiv in der Gesellschaft einbringe» (BFH 2021). Oder wie eine Kurdin sagte: «Femmes-Tische hat mir mein Lachen zurückgegeben.» In der Wirkungsanalyse erhalten die Gesprächsrunden ein durchwegs positives Feedback.

Femmes-Tische/Männer-Tische: ein preisgekröntes Programm

Das Programm Femmes-Tische/Männer-Tische ist mehrfach als innovatives Gesundheitsförderungs- und Präventionsprogramm ausgezeichnet worden. Es ist auch ein Vorzeigeprojekt im Umgang mit Vielfalt und Diversität, und es fördert den sozialen Zusammenhalt in den Quartieren und Gemeinden.

 

Das Programm von Femmes-Tische/Männer-Tische

  • vermittelt Migrantinnen und Migranten dank seiner Vielsprachigkeit und seiner dezentralen Struktur wertvolle Informationen und verschafft Zugang zu Regelangeboten;
  • erreicht mit seinem Peer-to-Peer-Ansatz und seiner Niederschwelligkeit Menschen, sich von herkömmlichen Angebot nicht angesprochen fühlen;
  • verhilft mit den regelmässigen Gesprächsrunden zu Netzwerken und verhindert soziale Isolation;
  • sensibilisiert dank seiner Themenvielfalt für Gesundheits-, Integrations- und Erziehungsfragen und wirkt präventiv;
  • stärkt dank dem kleinen Rahmen und dem gegenseitigen Erfahrungsaustausch die Handlungskompetenz jeder einzelnen Person;
  • und leistet einen wichtigen Beitrag zur Chancengerechtigkeit und Armutsbekämpfung in der Schweiz.

Femmes-Tische/Männer-Tische fügt sich exemplarisch in die Reihe der unzähligen zivilgesellschaftlichen Initiativen ein, die sich für eine nachhaltige Entwicklung der internationalen Gemeinschaft und mit ihr der Schweiz bemühen. Mit seinem lokal verankerten, niederschwelligen Programm trifft es die soziale Zielsetzung der Agenda 2030, d. h. die Förderung der Selbstbestimmung, des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Gleichstellung in ihrem Kern und trägt so wesentlich zur Stärkung der sozialen Nachhaltigkeit in der Schweiz bei.

 

Nathalie Cathy Muco – Moderatorin bei Femmes-Tische

«Die Schweiz ist das Land der Menschenrechte. Deshalb bin ich 2015 hierher gekommen. In meinem Land Burundi leben Menschen wie ich, mit Albinismus, in ständiger Angst: Sie werden umgebracht oder sind Opfer von Organhandel. Dabei ist Albinismus lediglich eine genetische Störung. Wir bilden kein Melanin und haben deshalb eine helle Haut und blonde Haare. In Bujumbura, wo ich aufgewachsen bin, konnte ich nie allein auf die Strasse gehen, es wäre zu gefährlich gewesen. In vielen afrikanischen Staaten glauben die Menschen aus Unwissenheit, dass Albinos Unglück bringen. Oder im Gegenteil, dass sie über magische Kräfte verfügen, die Krankheiten wie Aids heilen können. Albinos werden wegen ihrer Organe verfolgt und getötet; die Mütter von Kindern mit Albinismus von der Gesellschaft ausgestossen. Es gibt so viel Unwissenheit, so viel Aberglauben …

Ich studierte Buchhaltung und arbeitete für verschiedene Verbände, unter anderem für die Verteidigung der Frauenrechte und für das UN-Büro für Menschenrechte. Ich war in Burundi auch Präsidentin einer Vereinigung für Frauen mit Albinismus. Unser Hauptziel war zu sensibilisieren. Aber mein Alltag war unerträglich, ich konnte keinen Schritt alleine machen. Da beschloss ich, dass ich mein Leben in Freiheit verbringen möchte. Ich stellte einen Antrag auf ein humanitäres Visum. 2015 liess ich alles zurück: meine grosse Familie, meine Freundinnen und mon chéri. Ich kam nach Genf und beantragte Asyl. (….)

Ich kam nach La Chaux-de-Fonds und begann mich als Freiwillige zu engagieren, bei den SOS Futures Mamans, beim Roten Kreuz in Neuenburg. Da stiess ich zu Femmes-Tische und begann, Diskussionsrunden in den Sprachen Kirundi, Suaheli und Französisch zu leiten. Dabei lernte ich so viel für mich selber. Über unser Wohlergehen, über Ernährung und psychische Gesundheit. Dieses Wissen gebe ich auch meiner Mutter und den Albino-Frauen in Burundi weiter. Dank Femmes-Tische ernähre ich mich besser, bewege mich mehr und habe gelernt, schwierige Momente zu bewältigen. (…) Hier lebe ich in Frieden, ich bin ein neuer Mensch.»

Weitere Lebenswege

Photo de Nathalie Cathy Muco

Literaturverzeichnis

Claudia Schuwey, Rahel Müller de Menezes, Emanuela Chiapparini (BFH 2021). Evaluation des Programms Femmes-Tische und Männer-Tische. [Bern: Gesundheitsförderung Schweiz]. 

Moors, Anke; Meile, Annika; Uehlinger, Isabel (2020). Einblick in die Lebenswelt sozial belasteter Familien während des Lockdowns – Aus­wirkungen, Herausforderungen, Erkenntnisse; [Winterthur/Wabern: a:primo; Femmes-/Männer-Tische Schweiz].




Autorinnen und Autoren

Kommunikationsverantwortliche Femmes-Tische/Männer-Tische.
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Geschäftsführerin Femmes-Tische/Männer-Tische.
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