8. Oktober 2021
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MONET 2030: Messung der nachhaltigen Entwicklung in der Schweiz

Der Grundsatz «Niemanden zurücklassen» zieht sich systematisch durch die Agenda 2030, wodurch sozialen Aspekten der nachhaltigen Entwicklung eine grössere Bedeutung eingeräumt wird als in der Vergangenheit. Die nachhaltige Entwicklung ist ein mehrdimensionales Normkonzept – ihre Messung bleibt für die öffentliche Statistik eine Herausforderung.

Auf einen Blick

  • Das Bundesamt für Statistik misst die nachhaltige Entwicklung der Schweiz seit über 20 Jahren
  • Mit dem Indikatorensystem MONET 2030 werden die drei Dimensionen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft erfasst; und zwar inter- und intragenerationell.
  • Bei den sozialen Aspekten der nachhaltigen Entwicklung misst MONET 2030 nicht nur die Verteilung der Ressourcen, sondern auch Faktoren des sozialen Zusammenhalts, wie Teilhabe, soziale Verbundenheit, Solidarität, Inklusion und Toleranz.

 

Seit über zwanzig Jahren verwendet die Schweiz das Indikatorensystem MONET 2030 über die nachhaltige Entwicklung auf nationaler Ebene bietet und die Fortschritte der Schweiz bei der nachhaltigen Entwicklung illustriert. Dieser Überblick umfasst die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDG) der Agenda 2030 der Vereinten Nationen (United Nations 2015) und deckt die drei Dimensionen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft der nachhaltigen Entwicklung ab. Diese drei Dimensionen sind untereinander eng verknüpft und sollten nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Bei der Ausarbeitung der Agenda 2030 wurde bewusst ein Querschnittsansatz gewählt. Auch wenn bestimmte SDG fast ausschliesslich eine einzelne Dimension betreffen, korrelieren dennoch alle Ziele miteinander und widerspiegeln sämtliche Dimensionen. Das gilt insbesondere für die sozialen Aspekte der nachhaltigen Entwicklung, die in der Agenda 2030 im Sinne der Forderung «Niemanden zurücklassen» (Leave no one behind) praktisch in allen SDG vorkommen.

«Leave no one behind»

Dieser zentrale Grundsatz der Agenda 2030 (Groupe des Nations Unies pour le développement durable 2021) bezweckt die Beseitigung aller Formen von Armut, Diskriminierung und Ausgrenzung sowie den Abbau von Ungleichheiten und die Stärkung der Resilienz. Die Forderung nach Inklusion lenkt die Aufmerksamkeit auf Diskriminierungen, die oft zahlreich sind, und auf Ungleichheiten sowohl beim Zugang zu wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Ressourcen, zu Grunddienstleistungen wie Gesundheit, Bildung, Arbeit oder Wohnraum als auch bei der Vertretung in den politischen Institutionen.

Dieser Leitsatz ist im Zusammenhang mit der nachhaltigen Entwicklung nicht neu. Er lässt sich direkt vom Begriff der Generationengerechtigkeit ableiten (bei uns und anderswo), der bereits im Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen unter der Leitung der Vorsitzenden Gro Harlem Brundtland thematisiert wurde (United Nations 1987) und in die Agenda 21 einfloss, die die internationale Gemeinschaft am Erdgipfel von 1992 in Rio de Janeiro verabschiedete (United Nations 1993).

Das MONET-Indikatorensystem ist so konzipiert, dass die intragenerationelle Gerechtigkeit gemessen werden kann.

Das MONET-Indikatorensystem ist so konzipiert, dass die intragenerationelle Gerechtigkeit gemessen werden kann, namentlich anhand disaggregierter Indikatoren, die sozioökonomische Kriterien wie Geschlecht, Einkommen, Bildungsniveau oder Migrationshintergrund abbilden. Diese Möglichkeit, über den Durchschnittswert hinaus Angaben zu allen machen zu können, wird jedoch durch die begrenzte Verfügbarkeit der Daten bzw. die Bestimmungen des Datenschutzes eingeschränkt, so dass die Daten nicht immer wunschgemäss nach allen sozioökonomischen Kriterien aufgeschlüsselt werden können. Die Messung der Devise «Niemanden zurücklassen» in sämtlichen SDG stellt die nationalen und internationalen Statistiksysteme folglich vor eine Herausforderung. Die Produktion von Daten zu allem für alle gehört im Übrigen zu den Zielen des Weltdatenforums der UNO (UNWDF), dessen dritte Ausgabe von der Schweiz ausgerichtet wurde und vom 3. bis 6. Oktober 2021 in Bern stattfand.

Der Grundsatz der intragenerationellen Gerechtigkeit findet sich in mehreren SDG wieder, manchmal explizit, wie in SDG 1 «Keine Armut» und SDG 10 «Weniger Ungleichheiten», oder auch in SDG 3 «Gesundheit und Wohlergehen», SDG 4 «Hochwertige Bildung» oder SDG 5 «Geschlechtergleichheit». Themen wie Nichtdiskriminierung, Gerechtigkeit und Inklusion findet man aber auch in SDG 16 «Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen» sowie in einer Weiterentwicklung davon (vorgelegt von einer Gruppe von 39 Mitgliedstaaten der UNO und anderer internationaler Organisationen, globaler Partnerschaften sowie Vertreterinnen und Vertretern der Zivilgesellschaft und des Privatsektors mit dem Namen Pathfinders for Peaceful, Just and Inclusive Societies.

Die Gerechtigkeit unter den Generationen nicht vergessen

Der Grundsatz der intergenerationellen Gerechtigkeit basiert auf der Frage «Welche Welt werden wir unseren Kindern hinterlassen?». Er wird auch im MONET-System berücksichtigt und zwar anhand von Indikatoren über den Zustand des Humankapitals, des sozialen, wirtschaftlichen und natürlichen Kapitals.

Sozialer Zusammenhalt über die gerechte Ressourcenverteilung hinaus

Bei den sozialen Aspekten der nachhaltigen Entwicklung geht es nicht allein um eine gerechte Verteilung der Ressourcen. Es geht auch um soziale Verbundenheit, Solidarität, Inklusion, Toleranz, Verständigung zwischen Menschen und Kulturen und friedliches Zusammenleben in der Vielfalt. All diese Aspekte lassen sich unter dem Begriff «sozialer Zusammenhalt» subsumieren. Obwohl die Agenda 2030 thematisch breit aufgestellt ist und Querschnittsthemen wie die Geschlechtergleichheit oder den Grundsatz «Leave no one behind» enthält, geht sie nicht explizit auf das Thema des sozialen Zusammenhalts ein. Dabei ist dieser Zusammenhalt gerade in der Schweiz von besonderer Bedeutung: Die Förderung des inneren Zusammenhalts ist ein Ziel der Schweizerischen Eidgenossenschaft (Art. 2 BV). In der mehrsprachigen Schweiz mit ihrer territorialen Vielfalt spielen zudem kulturelle Aspekte, Mehrsprachigkeit und räumliche Disparitäten eine wichtige Rolle für das Zusammenleben – sie sind der «Kitt der Gesellschaft».

Einige Indikatoren, die sich mit diesem über die Agenda 2030 hinausgehenden Themenkreis befassen, wurden dem SDG 16 «Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen» zugeordnet und anhand der Roadmap der Pathfinders for Peaceful, Just and Inclusive Societies (Pathfinders 2019) ergänzt. «Chancengleichheit und sozialer Zusammenhalt» ist überdies eines der drei Schwerpunktthemen der Strategie Nachhaltige Entwicklung 2030, die der Bundesrat im Juni 2021 verabschiedet hat. Die Strategie definiert die Ziele zur konkreten Umsetzung der Agenda 2030 in der Schweiz (Bundesrat 2021). Um dem schweizerischen Ansatz Rechnung zu tragen, gruppiert das MONET-2030-Indikatorensystem die zwölf Indikatoren zur Beschreibung dieses Themas unter dem Stichwort «Sozialer Zusammenhalt». Diese Indikatoren beziehen sich auf SDG 4, 8, 10 und 16:

Weiterentwicklungen des Systems

Rund die Hälfte der 103 Indikatoren des Systems MONET 2030 haben einen mehr oder weniger expliziten Bezug zu den sozialen Aspekten der nachhaltigen Entwicklung. Das bedeutet aber nicht, dass der Grundsatz «Niemanden zurücklassen» und der soziale Zusammenhalt auch zweckmässig und hinreichend gemessen werden. Zum einen braucht es weiterhin disaggregierte Daten, um mehr als Durchschnittswerte und somit statistische Informationen zu allen anbieten zu können. Hier lassen die aktuellen Entwicklungen im nationalen Statistiksystem und in der Datenwissenschaft interessante Ansätze erkennen. Zum andern sind drei weitere Indikatoren in Arbeit, um gewisse Mängel beim Monitoring der Ziele des Schwerpunktthemas «Chancengleichheit und sozialer Zusammenhalt» der Strategie Nachhaltige Entwicklung des Bundesrates zu beheben. Dabei soll erstens der Indikator «Opfer von Diskriminierung», der dem Unterziel 10.3 «Diskriminierung aufgrund anderer Kriterien als dem Geschlecht» zugeordnet ist, aufgeschlüsselt werden; zweitens soll ein Indikator zur politischen Teilhabe und Bürgerbeteiligung gemäss Unterziel 10.2 «Teilnahme am politischen und gesellschaftlichen Leben» eingeführt werden; und drittens braucht es im Zusammenhang mit Unterziel 11a «Vielfalt und regionale Unterschiede» einen Indikator zu räumlichen Disparitäten. Diese Indikatoren werden je nach Verlauf der Arbeiten voraussichtlich im Herbst 2022 aufgeschaltet.

Das Indikatorensystem MONET 2030

MONET 2030 ist ein Indikatorensystem zum Monitoring der nachhaltigen Entwicklung in der Schweiz. Es informiert die Öffentlichkeit und die Entscheidungsträger über die aktuelle Lage und die Trends bei den sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Aspekten der nachhaltigen Entwicklung. Das System ist nach den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDG) geordnet und umfasst über hundert Indikatoren. Diese illustrieren die Fortschritte bei der Umsetzung der Agenda 2030 der Vereinten Nationen, der Ziele der «Strategie Nachhaltige Entwicklung 2030» des Bundesrats und bei weiteren, schweizspezifischen Themen.

Das 2003 eingeführte Indikatorensystem wurde 2009 und 2016 erweitert. Mit einer 2018 vorgenommenen Änderung wurde das Monitoring der im schweizerischen Kontext angepassten Ziele der Agenda 2030 integriert. Anhand der Querschnittsthemen «Auswirkungen im Ausland und Verantwortung der Schweiz», «Gleichstellung der Geschlechter» und «Sozialer Zusammenhalt» können bestimmte Verbindungen und Wechselwirkungen zwischen den SDG aufgezeigt werden. 23 Schlüsselindikatoren geben einen kurzen Überblick über die nachhaltige Entwicklung in der Schweiz. Die Indikatoren werden je nach Verfügbarkeit der Daten jährlich aktualisiert.

Das MONET-2030-Indikatorensystem ist ein gemeinsames Projekt, das vom Bundesamt für Statistik (BFS) geleitet und vom Bundesamt für Raumentwicklung (ARE), der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), dem Bundesamt für Umwelt (BAFU), dem Bundesamt für Landwirtschaft (BLW), dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS), dem Bundesamt für Gesundheit (BAG), dem Staatssekretariat des EDA (STS/EDA), dem Staatssekretariat für Migration (SEM) und dem Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) unterstützt wird.

www.statistik2030.ch

Literaturverzeichnis

Bundesamt für Raumentwicklung (ARE 2021). Agenda 2030 (Website).

Groupe des Nations Unies pour le développement durable (2021) : Ne laisser personne pour compte (Website, nur in Französisch oder Englisch).

Bundesrat (2021): Strategie Nachhaltige Entwicklung 2030; [Bern: ARE].

Pathfinders for Peaceful, Just and Inclusive Societies (Pathfinders 2019) : The Roadmap for Peaceful, Just and Inclusice Societies. A Call to Action to Change the World (nur in Englisch oder Französisch); [New York: Center on International Cooperation].

United Nations (2015) : A/RES/70/1 Transforming our world: the 2030 Agenda for Sustainable Development.
Resolution adopted by the General Assembly on 25 September 2015 (nur in Englisch oder Französisch).

United Nations (1993) : A/CONF.151/26/Rev.1(Vol.I) Report of the United Nations Conference on Environment and Development, Rio de Janeiro, 3-14 June 1992. Volume 1, Resolutions adopted by the Conference (nur in Englisch oder Französisch).

United Nations (1987) : A/42/427 Report of the World Commission on Environment and Development. Note by the Secretary-General: Our Common Future (Brundtland Report; nur in Englisch oder Französisch).

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Autorinnen und Autoren

Stv. Sektionschef, Sektion Umwelt, Nachhaltige Entwicklung, Raum; Bundesamt für Statistik (BFS).
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Wiss. Mitarbeiterin, Sektion Umwelt, Nachhaltige Entwicklung, Raum; Bundesamt für Statistik (BFS).
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Wiss. Mitarbeiterin, Sektion Umwelt, Nachhaltige Entwicklung, Raum; Bundesamt für Statistik (BFS).
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