4. März 2016
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Frühförderung zur Entlastung der ­sozialen Sicherung

Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung bereitet auf eine eigenverantwort­liche, sozialkompetente und resiliente Lebensführung vor. Eine sorgfältige Frühförderung ­verhindert gesellschaftliche Folgekosten im Verhältnis von mindestens 1:3.

Was kleine Kinder in ihren ersten fünf Lebensjahren bis zum Übergang in den Kindergarten und die Schule erleben, erfahren und lernen, prägt ihre schulische Laufbahn und ihr gesamtes weiteres Leben. Sowohl in Fachkreisen als auch in der breiten Bevölkerung ist dies inzwischen unumstritten.

Einige Grundannahmen und Erkenntnisse der Pränatal­psychologie, Hirnforschung und Körperpsychotherapie besagen, dass es vom Moment der Zeugung an ein körperlich-emotionales Erleben gibt. Die Zeit der Schwangerschaft ist die erste Zeit des Daseins und die Gebärmutter das erste Zuhause. Die Art und Weise, wie ein Mensch dort angenommen wird – von Mutter und Vater – und die Bedingungen, die er dort vorfindet, sind prägend für seinen weiteren Lebensverlauf. Sie prägen die Einstellung der Welt gegenüber und die Erwartungshaltung an das Leben. Ebenso hat die Bewältigung der Geburt eine nachhaltige Wirkung auf die weitere Entwicklung. Deren Umstände bilden das Grundskript für Verhaltensweisen bei späteren Übergängen und Krisen. Die Reaktionsmuster, mit denen Erwachsene Krisen und Übergängen und den darin enthaltenen Chancen begegnen, werden demnach bereits bei der Geburt angelegt.

Die Ergebnisse der Hirnforschung belegen, dass vor, während und in den ersten Tagen nach der Geburt die Hirn­aktivität am stärksten ist. In dieser höchst verletzlichen und verhältnismässig kurzen Zeit werden so viele neuronale Verknüpfungen gebildet wie sonst nie. Die Grundstruktur des Gehirns wird während dieser Phase angelegt. Neugeborene sind keine hilflosen, reflexgesteuerten Wesen. Sie sind überaus kompetente Persönlichkeiten, welche von sich aus mit ihrer Umwelt in Kontakt und Austausch treten. Das Zusammenwirken von Anlage- und Umweltfaktoren prägt dabei ihre körperliche, psychische und soziale Entwicklung. Wie bewusst die Umwelt – das qualitative Lern- und Erfahrungsumfeld – für Kinder in der Familie und in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen gestaltet wird, hat einen enormen Einfluss auf ihre weitere Entwicklung.

Bildungsprozesse sind Bindungsprozesse. Dabei ist für die Bindungsqualität die Feinfühligkeit der Bezugsper­sonen entscheidend. Sie setzt ein situationsangemessenes und promptes Reagieren der erwachsenen Bezugspersonen auf die Äusserungen und Bedürfnisse des Kleinkindes voraus. Insofern ist das spätere Bindungsverhalten des Kindes weniger Spiegelbild seines Temperaments oder Charakters, sondern primär Ausdruck der erlebten Interaktionen mit seinen Bezugspersonen. Auch dieser Aspekt muss in frühkindlichen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen berücksichtigt werden.

Der Bedarf an frühkindlichen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen in der Schweiz ist unbestritten. In der politischen Diskussion ist jedoch umstritten, wie weit die Professionalisierung im Bereich der frühkindlichen Bildung und Erziehung gehen soll. Einige Akteure sind der Ansicht, dass eine kostengünstige und möglichst flächendeckende Variante ohne vertiefte Professionalisierung des Personals die richtige Antwort auf die aktuell hohe Nachfrage ist. Sie argumentieren, dass für die Erbringung dieser Leistung die Erfahrung in der Familienarbeit als Qualifikation ausreiche. Beispielsweise meinte der verstorbene Nationalrat Otto Ineichen: «Ich sehe nicht ein, warum eine Bauernfrau, die sieben Kinder aufgezogen hat, nicht fähig sein soll, auf ihrem Hof eine Krippe zu leiten. Dazu braucht es Herzblut und kein Uni­diplom.» 1 Nun, relevant scheint in diesem Zusammenhang die Frage, wie erfolgreich und glücklich die sieben Kinder der Bauersfrau effektiv im Leben stehen und was aus ihnen geworden ist.

Neben der Erfahrung und dem Herzblut als Basis setzt eine qualitativ hochstehende Betreuung und Erziehung im Frühbereich in der Familie wie auch in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen sowohl eine hohe Sozialkompetenz als auch grosses Einfühlungsvermögen der Bezugsperson voraus und die Fähigkeit, das eigene Handeln und Denken zu reflektieren. Besonders Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund können von frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung enorm profitieren. Verpasste Entwicklungsschritte mangels ganzheitlicher Bildung und Förderung lassen sich später kaum nachholen und sind mit enormen Kostenfolgen verbunden. Dies gilt für das Erlernen von Sprache genauso wie für die Verankerung emotionaler Stabilität und sozialer, fachlicher und persönlicher Kompetenzen. Im Rahmen einer Langzeitstudie zum Einfluss vorschulischer Erziehung auf den Bildungserfolg von Kindern konnte der Ökonom und Nobelpreisträger James Heckman nachweisen, dass die langfristigen Kosteneinsparungen durch eine sorgfältige Frühförderung im Verhältnis von mindestens 1:3 stehen. Je nach Studie kostet die Gesellschaft das Nachholen von Versäumtem später das Drei- bis Siebenfache der Kosten für die Frühförderung.

In verschiedenen Spielgruppenprojekten zur frühen Sprachförderung wird dem Wissen über die geistige und emotionale Entwicklung von Kleinkindern eine besondere Beachtung geschenkt. Im Projekt «Spielgruppe plus» des Kantons Zürich beispielsweise oder «Spiki» der Stadt St.Gallen wurde nachgewiesen, dass dort geförderte Kinder ihre sprachlichen Kompetenzen erweitern konnten. Im Kanton Basel-Stadt besteht über das Projekt «Mit ausreichenden Deutschkenntnissen in den Kindergarten» gar ein selektives Obligatorium für dreijährige Kinder zum Besuch eines Angebots vor dem Kindergarten.

Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Spielgruppe  Spielgruppen sind ein Angebot im Bereich Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE). Neben den Kindertagesstätten und der Tagesfamilienbetreuung gehören sie zum formellen Bereich der familienergänzenden Kinderbetreuung im Vorschulalter. Spielgruppen sind jedoch nicht als familienergänzende Betreuung für erwerbstätige Eltern zu betrachten. Sie gehören daher nicht zu den Betreuungs-, sondern zu den Bildungsinstitutionen.

Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung meint eine ganzheitliche Förderung der Vorschulkinder in ihrer sprachlichen, motorischen, kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung. Diese Förderung beginnt schon zuhause, in der Familie. Mit dem Besuch eines Vorschulangebotes wie der Spielgruppe kann sie jedoch verstärkt werden. Im gemeinsamen Spiel und Werken lernen die Spielgruppenkinder, sich in eine Gruppe einzubringen und ihre Bedürfnisse sprachlich auszudrücken. Diese Fähigkeiten erleichtern ihnen den Übergang in den Kindergarten und die Schule.

Schweizerischer Spielgruppen-LeiterInnen-Verband (SSLV): www. sslv.ch

Seit 15 Jahren ist der Schweizerische Spielgruppen-LeiterInnen-Verband mit seinen 2300 Mitgliedern eine wichtige Einrichtung im Frühbereich. Der Berufsverband wird von der Fachwelt, den Behörden und der Politik aller Staatsebenen als kompetenter Ansprechpartner wahrgenommen und in Fragen zum Frühbereich einbezogen. Er setzt sich für die Qualitätssicherung in Spielgruppen und Ausbildungslehrgängen ein und lanciert Projekte im Vorschulbereich. Die Dienstleistungen umfassen kostenlose Beratungen zu pädagogischen, organisatorischen und administrativen Themen im Spielgruppenalltag sowie den Vertrieb verschiedener Publikationen rund um die Spielgruppe. Regelmässig organisiert der Verband schweizerische Fachkongresse zu bildungsrelevanten Themen im Vorschulbereich. Die Organisation ist durch kantonal und regional tätige Fach- und Kontaktstellen vertreten und gewährleistet so die Weiterbildung der Mitglieder vor Ort. Acht vom Verband anerkannte Bildungsinstitute (Kollektivmitglieder B) erarbeiten in einer Kommission Ausbildungsinhalte, nutzen gemeinsam Ressourcen und fördern die Qualität der Ausbildungen. Die Mitglieder erhalten die Möglichkeit, durch den Erwerb des SSLV-Qualitätslabels ihre Qualität auszuweisen und eine höhere Anerkennung für ihre Spielgruppe zu erlangen.

Vor dem Kindergarteneintritt besuchen Kinder ab rund zweieinhalb Jahren die Spielgruppe ein bis drei Mal wöchentlich, während zwei bis drei Stunden. Die Gruppengrösse beträgt in der Regel sechs bis zehn Kinder. Die Zusammensetzung der Gruppe bleibt grundsätzlich für ein Jahr konstant. Im Vordergrund steht die Erweiterung der Begegnungs- und Erfahrungswelt der Kinder. Die Kinder werden nach den Leitsätzen der Spielgruppenpädagogik in ihrer gesamten Entwicklung individuell begleitet, unterstützt und gefördert. Im Zentrum steht das freie Spiel – das Kind lernt im Spiel und spielt beim Lernen – anhand des Experimentierens mit verschiedenen Materialien, durch soziale Interaktion in Sprache und Bewegung, sowie mit Singen und Musizieren. Es wählt seine Aktivitäten selbst. Eine ausgebildete Spielgruppenleiterin sorgt als einfühlsame, verlässliche und konstante Bezugsperson für anregende und altersgerechte Angebote, anerkennt die Wahl des Kindes, begleitet und unterstützt den Selbstbildungsprozess. Sie arbeitet nach dem pädagogischen Konzept der Ko-Konstruktion, das heisst, sie begibt sich mit den Kindern in einen gemeinsamen Lernprozess. Im Gegensatz zum Kindergarten und zu der Schule hat die Spielgruppe keinen Lehrplan, sondern richtet sich nach dem Schweizerischen Orientierungsrahmen Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung (OR FBBE).

Das nachfolgende Beispiel aus dem Spielgruppenalltag der Autorin zeigt auf eindrückliche Weise den Zusammenhang zwischen gelungener frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung in Vorbereitung auf eine eigenverantwortliche, sozialkompetente und resiliente Lebensführung.

Im «Gumpiegge» haben sich kürzlich drei Mädchen im Alter zwischen drei und vier Jahren mit ihren Puppen häuslich eingerichtet. Ein viereinhalbjähriger Junge hat sich ebenfalls tatkräftig dazugesellt, um, wie er mitteilte, mit grossen Schaumstoffwürfeln und -quadern die Mauern ­ihres Hauses zu bauen. Die Mädchen waren inzwischen vollauf beschäftigt, ihre Kinder (Puppen) zu versorgen und für ihr leibliches Wohl zu sorgen. Die Autorin und Spielgruppenleiterin beobachtete währenddessen aufmerksam das Geschehen aus der Distanz, um gleichzeitig die ganze Gruppe im Blickfeld zu behalten. Ein kleinerer Junge, knapp dreijährig, ging zu den Mädchen hin und fragte, ob er mitspielen dürfe. Die Mädchen wiesen ihn einstimmig ab mit der Begründung, er sei ein Junge. Der grössere Junge baue das Haus, nur darum dürfe er mitmachen, hiess es. Der abgewiesene Junge nahm die Abfuhr entgegen und zottelte davon. Er wandte sich der Rutschbahn zu. In dem Moment näherte sich ein anderer dreieinhalbjähriger Junge der Spielgruppenleiterin und fragte, ob sie ihm ein Schwänzchen ins Haar machen könne. Sie wunderte sich kurz, kam seinem Begehren jedoch selbstverständlich nach und holte ihm ein Haargummi. Sie gab ihr Bestes, ihm in seine Buben-Kurzhaarfrisur ein Schwänzli zu binden. Dann fragte sie ihn, ob er sich im Spiegel anschauen wolle, ob ihm seine neue Frisur gefalle. Er stellte sich vor den Spiegel, schaute sich an, lächelte und ging geradewegs zu den Mädchen. Er stand vor sie hin und sagte: «Ich bin ein Mädchen, darf ich jetzt mit euch spielen?» Die Mädchen verneinten wieder. Auch dieser Junge nahm die Abfuhr der Mädchen hin. Er ging wieder zur Spielgruppenleiterin und meinte, sie könne ihm das Haargummi wieder aus den Haaren nehmen. Er sei jetzt eine Fee. Er ging zum Verkleiderli-Korb, holte sich Schmetterlingsflügel heraus, zog sie an und «flog» als Fee durch den ganzen Raum.

In diesem Beispiel vereinen sich verschiedene Kompetenzen, die grosse Ressourcen darstellen. Faszinierend ist der Lösungsansatz, den der Junge gewählt hat, als er mitbekommen hat, wie und warum der kleinere Junge abgewiesen wurde. Jungs dürfen nicht mitspielen, meinten die Mädchen. Also versucht der Dreieinhalbjährige, sich den Anforderungen anzupassen, indem er sich ein Haargummi in die Haare machen lässt. Er versucht so quasi den gesellschaftlichen Erwartungen, die von aussen (sprich den Mädchen) an ihn herangetragen werden, zu entsprechen und holt sich dazu die Unterstützung der Spielgruppenleiterin. Eine weitere verblüffende Leistung ist die Frustrationstoleranz, welche die beiden Kinder gezeigt haben. Beide akzeptieren das eigene «Scheitern». Sie stecken die Abfuhr ein und wenden sich anschliessend einem neuen Betätigungsfeld zu. Der Kleinere entscheidet sich für die Rutschbahn und der grössere betätigt sich als Fee. Letzterer hat festgestellt, dass die Strategie mit dem Haargummi nicht erfolgreich war, und konnte sie wieder fallenlassen. Diese Erfahrungen werden ihnen helfen, weitere Strategien und kreative Lösungen zu entwickeln, um mit den unterschiedlichsten Anforderungen umzugehen, die tagtäglich an sie gestellt werden.

Die Möglichkeit, eine Spielgruppe zu besuchen und viele ressourcenbildende Erfahrungen zu machen, sollte allen Kindern offenstehen. Dazu müssten sich die öffentliche Hand und die Wirtschaft allerdings stärker an den Betreuungskosten beteiligen. Wie der kürzlich erschienene Appell des Netzwerks Kinderbetreuung für Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung 2 darlegt, werden fast 40 Prozent der Kinder in der Schweiz familienergänzend betreut. Die Eltern zahlen dabei den Löwenanteil. In den Nachbarländern beteiligt sich die öffentliche Hand mit rund 75 Prozent an den Betreuungskosten. In der Schweiz bewegt sich ihr Anteil zwischen 33 und 62 Prozent. Höhere Investitionen wären höchst rentabel, weil Kinder, die in den ersten Jahren gut gebildet, betreut und erzogen werden, später gesünder, zufriedener und erfolgreicher sind. Jedes Kind soll ein Anrecht auf gute Startbedingungen haben. In diesem Sinn unterstützt der Spielgruppen-LeiterInnen-Verband einen entsprechenden Appell der schweizerischen UNESCO-Kommission und des Netzwerks Kinderbetreuung.

Appell für eine Politik der frühen Kindheit

Wert und Potenzial von qualitativ guten Angeboten in der frühen Kindheit werden erkannt.  Erst wenn die Bedeutung der ersten Lebensjahre für die spätere Entwicklung des Kindes allgemein bekannt ist, werden die Angebote zur Bildung, Betreuung und Erziehung breit unterstützt und genutzt.

Fachkräfte der frühen Kindheit erhalten Anerkennung und haben faire Arbeitsbedingungen.  Erst mit der gesellschaftlichen Wertschätzung gelingt es, gut genug ausgebildete Fachpersonen für die Arbeit mit kleinen Kindern zu gewinnen und im Beruf zu halten.

Staat und Wirtschaft engagieren sich ­finanziell stärker und verbindlich für die frühe Kindheit und verringern den Kostenanteil der Eltern.  Erst wenn Kitas, Tages­familien und Spielgruppen allen Kindern und Fami­lien – unabhängig vom Einkommen – offenstehen, ist die Chancengleichheit im ersten Lebensabschnitt gewährleistet.

Zuständigkeiten und Kompetenzen zwischen Gemeinden, Kantonen und dem Bund sind klar und ergeben eine wirkungsvolle «Politik der frühen Kindheit».  Erst wenn über die verschiedenen politischen Ebenen hinweg koordiniert und fokussiert zusammengearbeitet wird, können die beschränkten Ressourcen wirkungsvoll für die frühe Kindheit eingesetzt werden.

  • Fussnoten
  • 1. Zitiert in 20 Minuten, 19. Oktober 2011.
  • 2. www.netzwerk-kinderbetreuung.ch > Innovation > Appell.

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Autorinnen und Autoren

Spielgruppenleiterin, Ressort Öffentlichkeitsarbeit SSLV.
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