5. Juli 2022
Forschung
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Martin Bichsel

Erfolgreiche Unterstützung bei Mehrfachproblematiken im Übergang in Ausbildung und Arbeit

Junge Menschen mit sogenannten Mehrfachproblematiken benötigen besondere Unterstützung im Übergang in die nachobligatorische Ausbildung oder in den Arbeitsmarkt. Um diese Zielgruppe bedarfsorientiert unterstützen zu können, wurden in einer Studie zentrale Aspekte für kantonale Übergangssysteme herausgearbeitet und in einem Leitfaden für die Praxis kompakt gebündelt.

Auf einen Blick

  • Die vielfältigen Angebote zur Unterstützung der Berufsfindung können unter dem Begriff «Übergangssystem» zusammengefasst werden. Dieses System hat sich parallel zum Berufsbildungssystem entwickelt und leistet viel zur Integration junger Menschen. In Bezug auf Mehrfachproblematiken zeigen sich allerdings Grenzen.
  • Junge Menschen mit Mehrfachproblematiken benötigen meist Hilfe von verschiedenen Institutionen. Diese Hilfe muss individuell, bedarfsorientiert und koordiniert sein, damit sie greifen kann und der Einstieg in eine nachobligatorische Ausbildung oder in den Arbeitsmarkt gelingt.
  • Ein erfolgreiches Übergangssystem zeichnet sich durch verschiedene Faktoren aus. Hierzu gehören bspw. eine enge, strukturell verankerte interdepartementale und interinstitutionelle Zusammenarbeit, koordinierte Angebote, flexible Rahmenbedingungen für fallbegleitende Angebote und niederschwellige Zugangsmöglichkeiten. Dies erfordert Systementwicklungen auf der Ebene der strategischen Steuerung, der fallführenden Ebene und der fallbegleitenden Ebene.
  • Ein neuer Leitfaden der Nationalen Plattform gegen Armut bietet Anregungen zur Überprüfung von Übergangssystemen.

Ausgangslage

Ein Abschluss auf Sekundarstufe II stellt eine zentrale Voraussetzung für eine nachhaltige berufliche Integration dar. 95 Prozent der jungen Menschen sollen dieses Ziel erreichen. Jedoch sind die Anforderungen in der Berufsbildung und Arbeitswelt gestiegen und die Ausbildungswege komplexer geworden. Dies stellt viele Jugendliche vor erhöhte Herausforderungen. Um darauf zu reagieren, entstand in allen Kantonen ein vielfältiges Grundangebot an Unterstützung zur Abstützung der Übergänge in die nachobligatorische Ausbildung und Erwerbsarbeit. Diese Übergangssysteme sind stark kantonal geprägt, sei es durch kantonale Spezialgesetzgebungen oder den federführenden Vollzug der Bundesgesetzgebung. Die Umsetzung erfolgt durch vielfältige Akteurinnen und Akteure.

Die Angebote bieten einem grossen Teil der jungen Menschen geeignete Unterstützung. Es zeigt sich allerdings, dass das Übergangssystem bei jungen Menschen mit Mehrfachproblematiken ungenügend greift (vgl. auch Schmidlin et al. 2018).

Aus diesem Grund wurde im Auftrag der nationalen Plattform gegen Armut eine Studie (Schaffner, Heeg, Chamakalayil & Schmid 2022) durchgeführt, die vertieftes Wissen zu den spezifischen Bedarfen von jungen Menschen mit Mehrfachproblematiken eruiert, einen Überblick über die aktuelle Praxis gibt und Anregungen für die Weiterentwicklung der kantonalen Übergangssysteme bietet.

Nationale Fachtagung zu mehrfach belasteten Jugendlichen

Die Nationale Plattform gegen Armut und die Interinstitutionelle Zusammenarbeit (IIZ) haben zum ersten Mal gemeinsam eine Tagung zu mehrfach belasteten Jugendlichen organisiert. Am 28. Juni 2022 trafen sich in Bern über 100 Fachleute aus den Bereichen Sozialhilfe, Berufsbildung, soziale und berufliche Integration, Invalidenversicherung, Migration, Arbeitslosenversicherung sowie der IIZ der Kantone, Städte und Gemeinden.

Laut Stefan Ritler, IIZ-Vorsitzender und Vizedirektor des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV), brachte die Tagung für die Teilnehmenden Nutzen in dreierlei Hinsicht:

  • Der vorgestellte «Leitfaden zur Weiterentwicklung kantonaler Systeme im Übergang Schule – Ausbildung – Arbeitsmarkt» zeigt Lösungsansätze auf, um Übergangsangebote zu entwickeln und enthält kontextbezogene Informationen, die unter anderem aus der Studie Schaffner et al. 2022 stammen.
  • Networking: Eine Posterausstellung mit Fallbeispielen, Dialogrunden und die Pausen boten den Teilnehmenden die Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen.
  • Erfahrungsaustausch: Jeder konnte seine Sicht der Dinge darlegen oder erzählen, was in seinem Team, seiner Abteilung oder seinem Kanton funktioniert beziehungsweise nicht funktioniert. Der Austausch über gemeinsame Herausforderungen, aufgetretene Hindernisse und gute Praktiken soll die Motivation fördern und dabei helfen, konkrete Lösungsansätze zu finden.

Astrid Wüthrich, Vorsitzende der Nationalen Plattform gegen Armut und Vizedirektorin des BSV, betonte am Ende der Tagung, wie wichtig es sei, im Sozialbereich «Wissen zu generieren und zu teilen».

Die Tagung bildet den Abschluss des Schwerpunkts «Unterstützung und Begleitung von benachteiligten Jugendlichen, jungen Erwachsenen auf ihrem Weg zum Eintritt in den Arbeitsmarkt» der Nationalen Plattform gegen Armut.

Mehr Infos zur Tagung finden sich unter www.gegenarmut.ch/tagung2022.

(BSV)

Fragestellung 

Die Studie ging unter anderem folgenden Fragen nach:

  • Was ist unter Mehrfachproblematiken bei jungen Menschen zu verstehen?
  • Wie nehmen betroffene Jugendliche, junge Erwachsene und junge Mütter ihre Situation wahr? In welcher Form wünschen sie sich Unterstützung und Begleitung?
  • Auf welche Herausforderungen stossen Fachpersonen bei der Unterstützung von komplexen Fällen? Welche Unterstützung benötigen Akteurinnen und Akteure bei der Weiterentwicklung des Übergangssystems?
  • Welche Beispiele von Good Practice zur Begleitung von jungen Menschen mit Mehrfachproblematiken bestehen? Welche allgemeinen Merkmale von Good Practice lassen sich ableiten und übertragen? Wie sieht ein erfolgreiches Übergangssystem aus?

Methode

Zur Beantwortung der vielfältigen Fragestellungen wurde ein multiperspektivischer Zugang gewählt. Es wurden Fachpublikationen zu jungen Menschen mit Mehrfachproblematiken ausgewertet und eine Recherche zu Good Practice-Beispielen durchgeführt. In drei Gruppendiskussionen wurden betroffene junge Menschen befragt. Mit verschiedenen Fachpersonen wurden sprachregionale Workshops durchgeführt. Zwei Good Practice-Beispiele aus den Kantonen Basel-Stadt und Genf wurden mit Fachpersonen vertiefend diskutiert. So konnten Anhaltspunkte für die Weiterentwicklung kantonaler Übergangssysteme herausgearbeitet werden. Der Leitfaden entstand als anwendungsorientiertes Ergebnis der Studie.

Was sind Mehrfachproblematiken?

«Ich hatte niemanden, der mir half.» 

(Zitat aus einer Gruppendiskussion mit betroffenen jungen Menschen)

Bei «Mehrfachproblematiken» handelt es sich um einen Sammelbegriff. Gemeint ist, dass Herausforderungen in verschiedenen Lebensbereichen vorliegen. Die Ursachen der Probleme können bei der Person, bei der Familie, bei fehlendem Zugang zu Freizeitaktivitäten oder in Schwierigkeiten mit der Peergroup liegen. Probleme entstehen auch in der Schule, der Berufsschule, in Zwischenlösungen und in Ausbildungsbetrieben oder durch ungenügende Beratung/Begleitung oder Unterstützungsangebote. Nicht zuletzt tragen auch die Umstände in Gesellschaft und Wirtschaft zu Problemen bei (z.B. ungenügendes Ausbildungsangebot, kein Zugang zu Ausbildungsmöglichkeiten ohne Aufenthaltsstatus).

Diese Auflistung von Risikofaktoren zeigt eindrücklich, dass die Ursachen für Probleme nicht allein bei der jungen Person liegen. Auch sozial-strukturelle und gesellschaftliche Faktoren beeinflussen die Übergänge in die Erwerbsarbeit. Hier steht das Übergangssystem in der (Mit‑)Verantwortung, strukturelle Benachteiligungen abzubauen und am Ziel der Chancengleichheit zu arbeiten.

So vielfältig mögliche Risikofaktoren sind, so unterschiedlich entwickeln sich Problemsituationen. Nicht zuletzt beeinflussen sich die verschiedenen Problembereiche dynamisch und können sich in kurzer Zeit gegenseitig verstärken. Die Ergebnisse der Befragung der jungen Menschen wie auch der Fachpersonen zeigen, dass es bei Mehrfachproblematiken deshalb eine fundierte fachliche Abklärung braucht, die alle relevanten Probleme in den unterschiedlichen Lebensbereichen berücksichtigt.

«Es kommt dann der Tag, wo man mit riesigen Bergen von Administration beworfen wird.» 

(Zitat aus einer Gruppendiskussion mit betroffenen jungen Menschen)

Junge Menschen mit Mehrfachproblematiken erleben das Hilfesystem als undurchsichtig und nehmen wenig Möglichkeiten der Mitsprache wahr. Oft wissen die Betroffenen nicht, an wen sie sich wenden können und welche Unterstützung es gibt. Unterschiedliche Zuständigkeiten sind für sie schwer zu durchschauen. Sie fühlen sich oft auf sich allein gestellt im Umgang mit den Behörden und können administrative Vorgaben kaum bewältigen. Sie sind damit konfrontiert, dass sie Hilfe benötigen, aber den Vorgaben des Hilfesystems kaum genügen können. Junge Menschen wünschen sich daher eine Ansprechperson für alles.  Sie benötigen jemanden, der auf ihre individuelle Situation eingeht, über längere Zeit für vielfältige Themen ansprechbar ist und bei der Koordination der Hilfen und der Bewältigung der Administration unterstützt. Kurz: eine Fachperson, die jungen Menschen dort abholt, wo sie sind.

Logik der bestehenden Übergangsysteme und Entwicklungsbedürfnisse

Die Ergebnisse zeigen, dass junge Menschen mit Mehrfachproblematiken individuelle, bedarfsorientierte Hilfen aus verschiedenen Institutionen benötigen. Diese Hilfen müssen zeitlich und thematisch bedarfsgerecht bereitgestellt und koordiniert werden. Dies stellt das bestehende System vor Herausforderungen. Denn die institutionellen Hilfen der Bereiche Berufsbildung, Arbeit, IV, Gesundheit oder Migration sind auf einen bestimmten Bedarf oder Leistungsanspruch ausgerichtet, z.B. Ausbildungslosigkeit, Arbeitslosigkeit, finanzielle Unterstützung, Invalidität oder Gesundheit. Sind verschiedene Hilfen nötig, kommen die zuständigen fallführenden Stellen schnell an Grenzen. Auch die spezialisierten Angebote der Fallbegleitung, mit denen diese Stellen zusammenarbeiten, haben einen spezifischen Auftrag (z.B. Berufsintegration). Dies begrenzt die jeweiligen institutionellen Unterstützungsmöglichkeiten. Eine interinstitutionelle Zusammenarbeit ist zudem häufig noch nicht genügend etabliert. Fachpersonen nehmen hier Entwicklungsbedarf wahr.

Bei bisherigen Überlegungen zur Weiterentwicklung von Unterstützungsangeboten in den Übergängen Schule – Ausbildung – Arbeitsmarkt liegt der Fokus meist auf Angeboten für spezifische Zielgruppen. Noch zu wenig beachtet werden im Übergangssystem bislang Fragen des bedarfsorientierten Zugangs zu mehreren Hilfen, Fragen zur Koordination von Hilfen sowie der interinstitutionellen Zusammenarbeit. Die Bereitstellung von bedarfsorientierten Hilfen bei komplexen Bedarfen ist darum eine Systemaufgabe, die nicht durch einzelne institutionelle Hilfesysteme gewährleistet werden kann. Vielmehr müssen die unterschiedlichen Hilfen sinnvoll miteinander verknüpft werden können.

Die Good Practice-Recherchen zeigen auf, dass dazu Entwicklungen auf verschiedenen Systemebenen zu berücksichtigen sind: Auf der strategischen Ebene sollten Entscheidungen für die Bereitstellung von Hilfen und die interinstitutionelle Kooperation getroffen werden. Hieraus können dann Aufträge an die fallführende Ebene erteilt und Rahmenbedingungen für fallführende und fallbegleitende Stellen festgelegt werden. Auf der fallführenden Ebene setzen dann die involvierten Akteure (Fachstellen, Dienste u.a.) die interinstitutionelle Kooperation um und koordinieren die Unterstützungsangebote im Einzelfall. Auf Ebene der Fallbegleitung in spezialisierten Angeboten der beruflichen (und sozialen) Integration werden die jungen Menschen bei der Umsetzung von ausbildungsbezogenen Zielen begleitet und gecoacht.

Grundsätze einer erfolgreichen Unterstützung bei Mehrfachproblematiken

Für eine erfolgsversprechende Unterstützung von jungen Menschen mit Mehrfachproblematiken sind zwei übergreifende Grundsätze zu berücksichtigen:

  • bedarfsgerechte Abklärung/Beratung/Begleitung
  • Fallkoordination über institutionelle Zuständigkeiten hinweg

Die Bedarfsorientierung bei der Abklärung und Beratung beinhaltet auch eine zeitliche Flexibilisierung der Unterstützung – konkret eine flexible Dauer der Angebote (Verlängerungsoptionen bei Bedarf) und die Ausdehnung der Unterstützungsangebote über das 25. Altersjahr hinaus. Denn junge Menschen mit Mehrfachproblematiken müssen auch deutlich nach dem 20. Altersjahr die Möglichkeit haben, eine Ausbildung zu absolvieren.

Für die bedarfsgerechte Unterstützung ist ausserdem die Koordination der Hilfen zentral. Die Regelung der interdepartementalen und interinstitutionellen Zusammenarbeit – im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten – ist darum wichtiger als eine punktuelle Regulierung und Anpassung auf der Ebene der einzelnen Angebote.

Fazit und Handlungsempfehlungen

Die Gruppe junger Menschen mit Mehrfachproblematiken ist heterogen, mit entsprechend individuell unterschiedlichen Unterstützungsbedürfnissen. Die grösste Herausforderung besteht aktuell darin, dass komplexe Hilfebedarfe bei jungen Menschen nicht ausreichend individuell und bedarfsgerecht bearbeitet werden können.

Eine gelingende Unterstützung bei Mehrfachproblematiken im Übergang Schule – Ausbildung – Arbeitsmarkt ist das Ergebnis eines koordinierten Übergangssystems, welches eine bedarfsgerechte Abklärung/Beratung/Begleitung (Fallführung) ermöglicht und eine Fallkoordination über institutionelle Zuständigkeiten hinweg gewährleistet. Zwei Ansätze in den Kantonen Genf und Basel-Stadt verfolgen unterschiedliche Lösungsansätze, um dem aktiv zu begegnen.

Der auf der Studie basierte Leitfaden bietet in kompakter Weise Anregungen zur Weiterentwicklung für jede Systemebene und verweist auf Erfolgsfaktoren, die bei Weiterentwicklungen von Übergangssystemen von Kantonen, Städten, Gemeinden mit einbezogen werden können.

Ein solchermassen aufgestelltes Übergangssystem erlaubt eine angemessene Unterstützung auch der Schwächsten und ermöglicht auf diese Weise auch jungen mehrfach belasteten Menschen eine realistische Chance auf einen erfolgreichen Einstieg in Ausbildung und Arbeit.

Literaturverzeichnis

Schaffner, Dorothee; Heeg, Rahel; Chamakalayil, Lalitha; Schmid, Magdalene (2022). Unterstützung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Mehrfachproblematiken an den Nahtstellen I und II. Beiträge zur Sozialen Sicherheit. Forschungsbericht Nr. 2/22. Bern: Bundesamt für Sozialversicherungen BSV.

Schmidlin, Sabina; Kobelt, Emilienne; Caviezel, Urezza; Allemann, Elisabeth; Clerc, Rebecca (2018). Reduktion der Abhängigkeit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen von der Sozialhilfe (No. 7/18). Bern: Bundesamt für Sozialversicherungen.

BSV (2022). «Leitfaden zur Weiterentwicklung kantonaler Systeme im Übergang Schule – Ausbildung – Arbeitsmarkt» unter: www.gegenarmut.ch > Berufswahl und Berufseinstieg.

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Autorinnen und Autoren

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, Institut Kinder- und Jugendhilfe
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Dipl.-Psych., wissenschaftliche Mitarbeiterin, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, Institut Kinder- und Jugendhilfe
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Prof. Dr., Dozentin Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, Institut Kinder- und Jugendhilfe
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Dr. phil., Senior Researcher, Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, Institut Kinder- und Jugendhilfe.
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