1. September 2022
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Corona-Krise lässt Sozialleistungsquote ansteigen

Im Corona-Jahr 2020 ist die Sozialleistungsquote in der Schweiz auf einen Höchstwert gestiegen: Sie beträgt nun 23,2 Prozent. Das Kapital aller Sozialversicherungen umfasst fast 1,2 Billionen Franken.

Auf einen Blick

  • Die Sozialleistungsquote in der Schweiz steigt 2020 auf 23,2 Prozent.

  • Als einzige Sozialversicherung kann die IV 2020 ihre Ausgaben nicht decken.

  • Im Jahr 2021 liegt nebst der IV auch die ALV im Minus.

Die Sozialleistungsquote ist im Jahr 2020 gegenüber dem Vorjahr um 2,8 Prozentpunkte auf 23,2 Prozent gestiegen. Dies ist der grösste Anstieg seit der Einführung der Gesamtrechnung der Sozialversicherungen (GRSV) im Jahr 1987 (siehe Grafik 1). Die Sozialleistungsquote bildet das Verhältnis zwischen den Sozialleistungen und dem Bruttoinlandprodukt (BIP) ab. Sie zeigt, welcher Teil der gesamten Wirtschaftsleistung für den Gegenwert der Sozialleistungen gekauft werden könnte. Im Jahr 2020 erbrachten alle Sozialversicherungen zusammen Sozialleistungen von 164 Milliarden Franken. Das BIP betrug damals laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft 706 Milliarden Franken (nominal).

Auslöserin des Anstiegs der Sozialleistungsquote ist die Corona-Krise: Das BIP schrumpfte 2020 gegenüber dem Vorjahr um 2,9 Prozent – und gleichzeitig liessen die Corona-Massnahmen des Bundesrates ab März 2020 die Sozialleistungsausgaben ansteigen. Alleine die Arbeitslosenversicherung (ALV) zahlte im Jahr 2020 Covid-19-Kurzarbeitslosenentschädigungen im Umfang von 9,2 Milliarden Franken aus – und die neu eingeführte Corona-Erwerbsausfallentschädigung (CEE) belief sich auf 2,2 Milliarden Franken.

Anstieg der Versichertenbeiträge

Über alle Sozialversicherungen hinweg stiegen die Versichertenbeiträge im Jahr 2020 um 6,6 Prozent. Für das starke Wachstum sind in erster Linie die AHV und die berufliche Vorsorge (BV) verantwortlich: In der AHV nahmen neben den Lohnbeiträgen auch die Versicherungsbeiträge der öffentlichen Hand zu, was auf das Bundesgesetz über die Steuerreform und die AHV-Finanzierung (STAF) zurückzuführen ist. In der beruflichen Vorsorge stiegen die Eintrittseinlagen der Arbeitgeber deutlich, was grösstenteils auf substanzielle einmalige Einzahlungen zweier öffentlich-rechtlicher Arbeitgeber zurückzuführen war.

Die Einnahmen aller Sozialversicherungen stammten im Jahr 2020 zu 72,9 Prozent von Versicherten und Arbeitgebern. Die öffentliche Hand steuerte 18,5 Prozent bei und Kapitalerträge brachten 8,2 Prozent der Einnahmen ein. Als einzige Sozialversicherung konnte 2020 die IV ihre Ausgaben nicht mit den Einnahmen decken: Es resultierte ein Defizit von –371 Millionen Franken (siehe Grafik 2).

Insgesamt übertrafen im Jahr 2020 die Einnahmen aller Sozialversicherungen mit 212 Milliarden Franken die Ausgaben um 29 Milliarden Franken – der höchste je erzielte Wert seit Einführung der Gesamtrechnung der Sozialversicherungen. Das Kapital aller Sozialversicherungen stieg um 65 Milliarden Franken auf 1198 Milliarden Franken. Nach einem Börsenabsturz im Frühjahr 2020 lagen die Kapitalwertänderungen Ende des Jahres mit 36,6 Milliarden Franken wieder deutlich im positiven Bereich.

2021: AHV mit positivem Ergebnis

Für die AHV, ALV, EL, EO und IV liegen bereits Daten für die Gesamtrechnung 2021 vor: Die AHV erzielte ein positives Ergebnis von 1,4 Milliarden Franken. Auch die EO konnte 0,2 Milliarden Franken mehr Einnahmen als Ausgaben verbuchen. Demgegenüber lagen die IV und die ALV mit 0,3 Milliarden Franken respektive mit 0,2 Milliarden Franken im Minus (siehe Grafik 3).

Bei der AHV und IV erhöhten sich die Lohnbeiträge um 2,9 Prozent – und bei der ALV um 2,5 Prozent. Die über allgemeine und zweckgebundene Steuern finanzierten Beiträge der öffentlichen Hand an die AHV stiegen um 2,9 Prozent und jene an die IV um 3,6 Prozent. Gründe für das positive Ergebnis in der AHV sind hauptsächlich die generierten Mehreinnahmen durch die bereits erwähnten Massnahmen der STAF.

Unter Berücksichtigung der jährlich schwankenden Kapitalerträge stiegen die AHV-Einnahmen um 2,9 Prozent, die IV-Einnahmen um 3,1 Prozent, die EO-Einnahmen um 14,5 Prozent, wohingegen die ALV-Einnahmen um –19,1 Prozent sanken. Die Verbesserung bei der EO ist auf eine Beitragssatzerhöhung zurückzuführen. Der Rückgang bei den ALV hängt mit dem Rückgang der Corona-Kurzarbeitsentschädigungen und den entsprechend tieferen Beiträgen des Bundes an die ALV zusammen.

Auf der Ausgabenseite fallen die EO mit Mehrausgaben von 13,9 Prozent sowie die ALV mit Minderausgaben von –17,3 Prozent auf. Der Ausgabenanstieg in der EO ist darauf zurückzuführen, dass in der Armee Wiederholungskurse, die 2020 coronabedingt ausgesetzt wurden, wieder stattfanden und dass per Anfang 2021 ein zweiwöchiger Vaterschaftsurlaub und per Anfang Juli 2021 ein 14-wöchiger Betreuungsurlaub für Eltern von gesundheitlich schwer beeinträchtigen Kindern eingeführt wurde. Der Rückgang der ALV-Ausgaben ist auf den Rückgang der Covid-19-Kurzarbeitsentschädigungen um –38,5 Prozent zurückzuführen.

Was ist die GRSV?

Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) erstellt die Gesamtrechnung der Sozialversicherungen jährlich. Diese gibt einen Überblick über die Finanzlage aller Sozialversicherungen der Schweiz. Im Rahmen der GRSV wird die Entwicklung, die Struktur und der Bedeutungswandel der Sozialversicherungen als Ganzes und in einer vergleichenden Perspektive abgebildet. Sie zeigt, wie stark sich die einzelnen Sozialversicherungen über Beiträge der Versicherten und Arbeitgeber, über Beiträge der öffentlichen Hand, über Kapitalerträge oder über sonstige Einnahmen finanzieren. Ebenso zeigt sie die Ausgabenseite, bei der die Sozialleistungen dominieren, gefolgt von den Verwaltungs- und Durchführungskosten sowie den übrigen Ausgaben. In den Sozialleistungen sind unter anderem Renten, Kapitalleistungen, Taggelder, Heilungskosten und Familienzulagen enthalten.

Nicht zu verwechseln ist die GRSV mit der Gesamtrechnung der Sozialen Sicherheit (GRSS) des Bundesamtes für Statistik (BFS). Letztere verwendet die Berechnungsmethode der EU-Statistikbehörde Eurostat und dient dem internationalen Vergleich.

Mehr Daten finden sich auf der Website des Bundesamtes für Sozialversicherungen.

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Autorinnen und Autoren

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Datengrundlagen und Analysen, Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV).
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