25. Februar 2022
Forschung
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Analyse zur wirtschaftlichen Situation der Bevölkerung: Identifikation der Haushalte mit geringem Einkommen

Eine neue Studie des BSV liefert ein klares Bild der wirtschaftlichen Lage der Schweizer Bevölkerung. 2015 musste einer von sechs Haushalten mit geringen oder sehr geringen finanziellen Mitteln auskommen. Dieses Problem betrifft vor allem Haushalte von Alleinerziehenden, aber auch Selbstständige, landwirtschaftliche Arbeitnehmer, Personen mit niedrigem Bildungsniveau und Staatsangehörige von Nicht-EU-Ländern.

Auf einen Blick

  • Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) veröffentlicht eine Analyse der wirtschaftlichen Situation der Bevölkerung im Erwerbs- und im Rentenalter. Analysiert wurden Steuer-, Register- und Erhebungsdaten von 4,5 Millionen Personen.
  • 2015 betrug das Medianeinkommen eines Haushalts in der Schweiz 63’470 Franken pro Jahr. Das bedeutet, dass die eine Hälfte der Haushalte über ein höheres, die andere Hälfte über ein tieferes Einkommen verfügte.
  • Einer von sechs Haushalten musste mit geringen oder sehr geringen finanziellen Mitteln auskommen.
  • Risikogruppen sind Einelternhaushalte (vor allem solche, die von einer Frau geführt werden und kleine Kinder haben), Selbstständige, landwirtschaftliche Angestellte, Personen mit geringer Bildung und Staatsangehörige von Nicht-EU-Ländern).

Die wirtschaftliche Situation der Haushalte in der Schweiz ist ein vielschichtiges Thema, das zahlreiche Fragen aufwirft. Eine Analyse von Steuerdaten und anderer Register- und Umfragedaten (Statistik WiSiER, siehe auch Wanner 2019) liefert nun wichtige Antworten. Die Daten zeichnen ein nahezu abschliessendes Bild der wirtschaftlichen Situation der Haushalte und informieren über die verschiedenen Einkommensquellen und das Vermögen. Der Forschungsbericht des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) (Wanner/Gerber 2022) befasst sich mit der finanziellen Situation der Schweizer Haushalte im Jahr 2015, erfasst die wichtigsten Risikogruppen und analysiert die Risikofaktoren für prekäre Situationen.

Der vorliegende Artikel beleuchtet die finanzielle Situation der Schweizer Haushalte im Jahr 2015 und identifiziert die Haushalte mit geringen oder sehr geringen finanziellen Mitteln. Gestützt auf diese Bestandsaufnahme werden in den Schlussfolgerungen Handlungsansätze zur Vermeidung prekärer Situationen erläutert.

Finanzielle Situation der Haushalte

Die Zusammensetzung der Schweizer Haushalte kann anhand der Statistik STATPOP sowie der zusammenlebenden Personen und deren familiären Beziehungen identifiziert werden. Die Einkommensdaten dieser Haushalte stammen aus den Steuerregistern; hinzu kommen nicht steuerpflichtige Bestandteile (kantonale Sozialhilfe, Ergänzungsleistungen, Hilflosenentschädigungen) sowie 5 % des rasch verfügbaren Vermögens. Gestützt auf diese Daten kann das jährliche Gesamteinkommen in ein Äquivalenzeinkommen umgerechnet werden. Dazu wird das Jahreseinkommen durch einen Faktor, der von der Haushaltsgrösse und vom Alter der Haushaltsmitglieder abhängt, dividiert. Ausgehend von den auf diese Weise ermittelten Äquivalenzeinkommen ergeben sich verschiedene Grenzwerte. Im Forschungsbericht und im vorliegenden Artikel werden die folgenden Grenzwerte verwendet: für sehr geringe finanzielle Mittel der Grenzwert von 50 % des Medianäquivalenzeinkommens (2015: Einkommen von unter 2640 Franken im Monat bzw. von unter 32 730 Franken im Jahr) und für geringe finanzielle Mittel der Grenzwert von 60 % des Medianäquivalenzeinkommens (2015: Einkommen von 3170 Franken im Monat bzw. 38 080 Franken im Jahr).

Analysiert wurden insgesamt 1 435 431 ordentlich besteuerte Privathaushalte (ohne quellen- und pauschalbesteuerte Haushalte) mit bekannter Familienstruktur, in denen mindestens ein Mitglied 25 Jahre alt oder älter ist. 8,6 % der analysierten Haushalte liegen unter dem Grenzwert für sehr geringe und 16,8 % unter dem Grenzwert für geringe finanzielle Mittel. Erwerbstätige weisen leicht höhere Anteile an sehr geringen finanziellen Mittel auf als Pensionierte (9,1 % gegenüber 7,7 %), dafür sind die Anteile der geringen finanziellen Mittel (50 % bis 60 % des Medianäquivalenzeinkommens) bei den Pensionierten höher als bei den Erwerbstätigen (13,9 % gegenüber 6,1 %).

Grundsätzlich ist die finanzielle Situation von Paaren ohne Kinder vorteilhafter (lediglich 4,2 % dieser Haushalte weisen sehr geringe finanzielle Mittel auf, allerdings variiert der Anteil je nach Zivilstand zwischen 3,2 % und 5,2 %; siehe Grafik G1). Die Situation der von Frauen geführten Einelternhaushalte ist hingegen deutlich weniger vorteilhaft (22,5 % verfügen über sehr geringe und 12,4 % über geringe finanzielle Mittel). Paarhaushalte mit Kind(ern) liegen dazwischen, wobei sich unverheiratete Paare in einer eher prekären Situation befinden (12,0 % verfügen über sehr geringe finanzielle Mittel). Das lässt sich dadurch erklären, dass diese Haushalte im Durchschnitt relativ jung und die Personen bisweilen (noch) nicht auf dem Arbeitsmarkt integriert sind. Ehepaare mit Kind(ern) stehen besser da: Ihr Anteil an Haushalten mit sehr geringen Mitteln liegt bei 7,6 %.

Einpersonenhaushalte befinden sich ebenfalls in einer ungünstigeren Situation als der Durchschnitt: 10,2 % der Einpersonenhaushalte von Frauen liegen unter dem Grenzwert für sehr geringe finanzielle Mittel (gegenüber 10,7 % der Männer). Die Ergebnisse zeigen also, dass die Haushalte, die sich nicht aus einem Paar zusammensetzen, und vor allem diejenigen, die von Frauen geführt werden, das höchste Prekarisierungsrisiko aufweisen. 

Schwierige Ausganglage für Einelternhaushalte

Anlass zur Sorge gibt die Situation der von Frauen geführten Einelternhaushalte insgesamt, besonders aber bei jungen Frauen: Rund die Hälfte (46,8 %) der alleinerziehenden Mütter zwischen 25 und 29 Jahren verfügt über sehr geringe finanzielle Mittel, während der Anteil in der Alterskategorie der 30- bis 34-Jährigen bei 37,3 % liegt (siehe Grafik G2). Danach geht der Anteil kontinuierlich zurück und sinkt ab dem Alter von 55 Jahren auf unter 15 %. Im Vergleich dazu befinden sich von Männern geführte Einelternhaushalte weniger häufig in dieser Situation (je nach Alterskategorie verfügen zwischen 22,2 % und 9,3 % über sehr geringe finanzielle Mittel). Allerdings gibt es weniger von Männern geführte Einelternhaushalte, insbesondere bei den unter 35-Jährigen. Somit sind die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren.

Der Trend beim Einkommen von Einpersonenhaushalten lässt sich dadurch erklären, dass kleinere Kinder eine Erschwernis für die Ausübung einer Erwerbstätigkeit bedeuten, mit der der Grenzwert für sehr geringe finanzielle Mittel überschritten werden kann. So liegen 39,1 % der von einer Frau geführten Einelternhaushalte, in denen das kleinste Kind unter 5 Jahren ist, unter dem Grenzwert für sehr geringe und 15,0 % dieser Haushalte unter dem Grenzwert für geringe finanzielle Mittel. Volljährige Kinder hingegen können einerseits zum Haushaltseinkommen beitragen und sind andererseits eigenständiger, so dass die Mutter mehr Zeit für ihre Erwerbstätigkeit hat. Deshalb sinkt der Anteil der Haushalte unter der 50-Prozent-Grenze auf 11 %, wenn das jüngste Kind zwischen 20 und 24 Jahren ist. Bei den von Männern geführten Einelternhaushalten ist ein ähnlicher Zusammenhang zwischen dem Alter des jüngsten Kindes und den verfügbaren finanziellen Mitteln festzustellen, wenn auch weniger ausgeprägt.

Eine wichtige Rolle spielt zudem der Zivilstand, der ein Indikator für den familiären Lebensweg der Mutter ist. Bei den Einelternhaushalten, die von einer verwitweten Frau geführt werden, befinden sich 10,4 % unter dem Grenzwert für sehr geringe finanzielle Mittel (siehe Grafik G3). Dieser Anteil liegt deutlich unter den Anteilen der Frauen mit anderen Zivilständen (geschieden: 19,2 %; ledig: 29,0 %). Dass verwitwete Haushalte eine günstigere finanzielle Situation aufweisen, liegt an den Renten der sozialen Vorsorge, die sie erhalten.

Andere Haushaltstypen mit geringem Einkommen

Zu den Haushaltstypen mit (sehr) geringen finanziellen Ressourcen zählen in erster Linie Paare mit drei oder mehr Kindern. Auch, wenn ihr jährliches Medianeinkommen leicht über jenem von Paaren mit einem oder zwei Kindern liegt (132 000 Franken gegenüber 120 000 bzw. 129 000 Franken), weisen diese Familien ein höheres Risiko für eine Situation mit (sehr) geringen finanziellen Mitteln auf: 14,6 % der Ehepaare mit drei Kindern weisen sehr geringe finanzielle Mittel auf, verglichen mit 6,4 % der Ehepaare mit nur einem Kind (siehe Grafik G4). Diese Situation lässt sich dadurch erklären, dass die Kinderzulagen die kinderspezifischen Kosten nicht vollständig decken. Je höher die Anzahl Kinder, desto höher demnach das Armutsrisiko.

Am häufigsten weisen Haushalte mit Erwerbstätigen aus nicht europäischen Staaten (36,1 %) oder europäischen Staaten ausserhalb der EU/EFTA (mehrheitlich Angehörige eines Balkanstaats; 25,5 %) sehr geringe finanzielle Mittel auf. Verglichen mit Haushalten schweizerischer Staatsangehörigkeit (7,5 %) weisen auch Haushalte mit Staatsangehörigkeit eines EU-/EFTA-Staates (11,2 %) sowie multinationale Haushalte (14,1 %) einen höheren Anteil an sehr geringen finanziellen Mitteln auf. Haushalte mit Staatsangehörigkeit ausserhalb der EU/EFTA weisen eine jüngere Altersstruktur auf als schweizerische oder EU/EFTA-Haushalte, was das Einkommen beeinflusst. Ausserdem ist anzunehmen, dass sich ihre berufliche Integration komplizierter gestaltet als bei schweizerischen oder bei EU-/EFTA-Haushalten, insbesondere, wenn die Partnerin oder der Partner im Rahmen einer Familienzusammenführung in die Schweiz gekommen ist. Die Bevölkerung ausländischer Herkunft hat auch nach der Pensionierung ein höheres Prekarisierungsrisiko: 72,0 % der europäischen Staatsangehörigen ausserhalb der EU/EFTA und 52,6 % der nicht europäischen Staatsangehörigen befinden sich unter der 60-Prozent-Grenze. Ihre Altersvorsorge stützt sich auf eine kürzere berufliche Laufbahn in der Schweiz, weshalb sich die Mehrheit in einer Situation mit geringen finanziellen Mitteln befindet (zwischen 50 % und 60 % des Medianeinkommens).

Zudem weisen Haushalte mit einem Einkommen aus einer rein selbstständigen Erwerbstätigkeit ein erhöhtes Risiko für sehr geringe finanzielle Mittel auf. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass das Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit jährlichen Schwankungen unterworfen ist und dass Selbstständigerwerbende bei der steuerlichen Optimierung ihres Einkommens über einen grösseren Handlungsspielraum verfügen als Angestellte, ist die Feststellung interessant, dass die finanzielle Situation von Selbstständigerwerbenden insgesamt eher prekär ist: 28,5 % von ihnen verfügen über sehr geringe finanzielle Mittel (verglichen mit 6,1 % bei den unselbstständigerwerbenden Haushalten und 7,7 % bei den Haushalten, deren Erwerbseinkommen sowohl Löhne als auch Einkommen aus einer selbstständigen Erwerbstätigkeit umfasst). Die finanzielle Situation von Selbstständigerwerbenden ist indes sehr heterogen, wobei einige Haushalte über sehr geringe Einkommen verfügen, während andere besonders gut situiert sind.

Aus der Armut herausfinden?

Anhand der WiSiER-Daten wurden die Gruppen mit geringem Einkommen identifiziert. Gestützt darauf können nun Massnahmen angedacht werden, um prekäre Situationen zu vermeiden oder zu überwinden. Vergleichsanalysen zur Situation der Haushalte in den Jahren 2012 bis 2015 zeigen, dass sich finanzielle Prekarität durchaus überwinden lässt: 25 % der Haushalte haben es geschafft, aus einer Situation mit geringen oder sehr geringen finanziellen Mitteln herauszufinden.

Diese Mobilität nach oben – ebenso wie die Mobilität nach unten (Übergang zu einem Status mit [sehr] geringen finanziellen Mitteln) – hängt mit verschiedenen familiären und beruflichen Faktoren zusammen. Die identifizierten Hauptfaktoren sind in der nachfolgenden Tabelle dargestellt. Einige dieser Faktoren können die finanzielle Situation auf sehr lange Sicht beeinflussen. Ausserdem spielen auch nicht messbare Aspekte eine Rolle.

Der Forschungsbericht wirft ein Schlaglicht auf die schwierige Situation der von Frauen geführten Einelternhaushalte und zeigt die finanziellen Folgen eines Erwerbsunterbruchs oder des durch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bedingten Wechsels in eine Teilzeitbeschäftigung auf. Daher sind finanzielle Massnahmen im Zusammenhang mit Mutterschaft und Kinderbetreuung angezeigt. Ausserdem stellt sich angesichts der Situation der Bevölkerung ausländischer Herkunft die Frage, wie sich der Migrationshintergrund auf die Lebensbedingungen während des Erwerbslebens und im Rentenalter auswirkt. Da diese Faktoren statistisch dokumentiert sind, ist es nun die Aufgabe der Sozialpolitik, entsprechende Massnahmen zu formulieren.

Literaturverzeichnis

Bundesamt für Sozialversicherungen (2022). Wirtschaftliche Situation von Personen im Erwerbs- und im Rentenalter (WiSiER). (Internetseite, abgerufen am 14.1.2022).

Wanner, Philippe; Gerber, Roxane (2022): Die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung im Erwerbs- und im Rentenalter; Bern: BSV. Forschungsbericht Nr. 1/22.

Wanner, Philippe (2019): Préparation d’une base de données sur la situation économique des personnes en âge d’activité et à l’âge de la retraite (WiSiER) (nur Französisch), Bern: BSV. Forschungsbericht Nr. 4/19.

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Autorinnen und Autoren

MSc in Sozioökonomie, Assistentin/Doktorandin am Institut für Demografie und Sozioökonomie der Universität Genf
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Doktor in Demografie, o. Prof. am Institut für Demografie und Sozioökonomie der Universität Genf.
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