Ansätze zur Entlastung der sozialen Sicherung CHSS Nr. 1 ⁄ März 2016

Stärkung der sozialen Sicherung im dritten und vierten Lebensalter

Der Dachverein «KISS – Zeit bleibt wertvoll» trägt mit lokalen oder regionalen Genossen­schaften dazu bei, bisherige Lücken in der sozialen Sicherung zu schliessen. Freiwillige ­Nachbarschaftshilfe wird auf einem Zeitkonto gutgeschrieben. Die Zeitgutschriften können später persönlich bezogen oder an andere Genossenschaftsmitglieder übertragen werden.

Betreuungskosten abfedern angesichts der demografischen Entwicklung  Aufgrund der demografischen Alterung steigt der Anteil Rentnerinnen und Rentner an der Gesamtbevölkerung. Viele Alte erreichen zudem nicht nur das sogenannten dritte Lebensalter ab der Pensionierung bis ca. 75 Jahre, sondern auch eine daran anschliessende vierte Lebensphase, in welcher der Unterstützungs- und Betreuungsbedarf häufig zunimmt. Meist leisten Familienmitglieder oder Nachbarn die nötige Hilfe. Die zunehmende Mobilität der Bevölkerung führt aber dazu, dass Familienmitglieder häufig weit weg voneinander wohnen und das Knüpfen nachbarschaftlicher Beziehungen schwieriger wird. Zusammen mit einer Abnahme der Freiwilligen­arbeit führt diese Entwicklung zu einer Reduktion des Potenzials an möglichen Helferinnen und Helfern. Hier setzt das Modell KISS (www.kiss-zeit.ch) an: Es stärkt den Kitt in der Nachbarschaft und vergibt für persönliche Unterstützungsleistungen Zeitgutschriften, die schweizweit an Verwandte und Bekannte in anderen KISS-Genossenschaften übertragen werden können. Dadurch bestärkt der Verein nicht nur den bestehenden, mit der AHV seit über einem halben Jahrhundert sozialpolitisch institutionalisierten Generationenvertrag, sondern er verbessert auch die Lebensqualität seiner Mitglieder und fördert die Pflege sozialer Kontakte.

Unterstützungs- und ­Betreuungsbedarf im ­4. ­Lebensalter nimmt zu.

KISS steht für schweizweit gleiche Standards  Das Modell KISS baut auf einem zivilgesellschaftlichen Engagement aktiver Bürgerinnen und Bürger, welche die Nachbarschaftshilfe im kommunalen und regionalen Rahmen organisieren. Seit 2011 unterstützt der Verein KISS (vgl. Grafik G1 ) Interessierte, Organisationen, Gemeinden und Kantone mit fachlichem Know-how und Unterlagen bei der Gründung von Genossenschaften. image8Diese unterliegen verbindlichen Standards und Rechtsgrundlagen. Die gewählte Rechtsform sichert das angestrebte aktive Mittun Interessierter am Aufbau von KISS-Genossenschaften, bei denen der Community-Gedanke und die generationenübergreifende Ausrichtung im Mittelpunkt stehen. Die Genossenschaftsverwaltungen arbeiten ehrenamtlich. Die Geschäftsleitung und Koordination der Dienstleistungen werden durch bezahlte Fachpersonen geleistet: Denn für die psychologisch sehr anspruchsvolle Aufnahme der persönlichen Daten, das korrekte und liebevolle Matching von Gebenden und Nehmenden, aber auch die Begleitung dieser Tandems ist fachliches Know-how und eine kontinuierliche Betreuung zwingend.

Kapitalformen nach Pierre Bourdieu

Das übergeordnete Ziel von KISS ist es, mit dem ökonomischen, sozialen, korporalen und kulturellen Kapital alle vier Kapitalformen nach Pierre Bourdieu zu stärken. Die Geldfreiheit zwischen den Teilnehmenden stützt v. a. das ökonomische Kapital, das wiederum zur Festigung des sozialen und korporalen Kapitals beiträgt. Die Verbesserung der physischen und vor allem der psychischen Gesundheit kann zur Verminderung der Gesundheitskosten im höheren Alter beitragen. Die Stärkung des kulturellen Kapitals ist vor allem auch bei Rentnerinnen und Rentnern mit Migrationshintergrund relevant (Gasser et al. 2015).

Über eine vom Verein zur Verfügung gestellte Software wird die einheitliche Erfassung der Zeitgutschriften sichergestellt. Unabhängig von der Art der Unterstützung wird eine geleistete Stunde, sei es Zuhören oder Einkaufen, immer gleich bewertet. So behält die nicht mit Geld besicherte Stunde immer denselben Wert, im Gegensatz zu Geld, das der Inflation unterliegt. Auch der Austausch von Zeitgutschriften von einer Genossenschaft zur anderen wird angesichts der hohen gesellschaftlichen Mobilität geschätzt und genutzt: Für eine Mutter in Obwalden beispielsweise, können die Tochter oder der Sohn in Cham Zeitgutschriften ansammeln, die sie dank der unter den Genossenschaften kompatiblen Software über ihre lokale Genossenschaft beziehen kann. Dort wird die Betreuung der Mutter gewährleistet, ohne dass die Kinder hin- und herreisen müssen. Auch eine körperlich vielleicht nicht robuste Person kann in den meisten Fällen Stunden sammeln, z. B. mit Vorlesen, Spielen oder Singen. Wer nicht mehr in der Lage ist, Unterstützungsleistungen zu erbringen, kann aus dem Genossenschaftstopf Stunden beziehen.

KISS ergänzt das Angebot der etablierten Pflegedienstleister.

Um die Dienstleistungen etablierter Dienstleister wie Spitex, Caritas oder Heime nicht zu konkurrieren, werden mit deren lokalen Geschäftsstellen Vereinbarungen getroffen, welche die Pflege ausdrücklich aus dem Angebot von KISS ausklammern. Die lokalen Geschäftsleitungen überprüfen die Einhaltung der Abmachung. Die Hilfestellungen im Haushalt umfassen alltägliche Handlungen, die im Alter oder in Notsituationen beschwerlich sein können (vgl. Grafik G2 ). Sie reichen von kleinen Handreichungen wie das Wechseln von Glühbirnen, Leeren von Briefkästen oder Blumengiessen übers Einkaufen bis hin zum Kochen. Gerade für fragilere Menschen hat aber auch das soziale Moment grösste Bedeutung: Spielen, Vorlesen, Gespräche, Spaziergänge oder gemeinsame Mahlzeiten helfen, den Alltag zu strukturieren und die Einsamkeit zu durchbrechen. Die meist monatlich stattfindenden KISS-Kafi werden rege genutzt, um sich auszutauschen und weitere Treffen wie Spielnachmittage oder Spaziergänge abzumachen.

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Netzwerken vor Ort  Die KISS-Betreuungsarbeit durch Freiwillige ganz ohne finanzielle Besicherung kann bei etablierten Organisationen, die Betreuungsleistungen meist gegen Geld anbieten, zu Konkurrenzängsten führen. Deshalb ist es unabdingbar, das Gespräch zu suchen, eine Abgleichung der Dienstleistungen zu vereinbaren und eine Vernetzung und Zusammenarbeit mit den lokalen politischen Gremien, Verwaltungen, Organisationen und Institutionen anzustreben. Im Idealfall lassen sich diese dazu gewinnen, eine an alle Haushalte gerichtete Broschüre herauszugeben, welche die kostenpflichtigen und freiwillig erbrachten Unterstützungsangebote aufführt. Dadurch erhalten die Angesprochenen die Möglichkeit zu entscheiden, ob sie eine Dienstleistung bezahlen oder im Austausch gegen eine andere einholen wollen. Viele, vor allem Rentnerinnen, die ihren Lebensunterhalt allein mit einer AHV-Rente bestreiten müssen, erhalten so die Möglichkeit, ihr ökonomisches, soziales, korporales und kulturelles Kapital im Tausch zu äufnen.

Demografieabhängige Finanzperspektiven der öffentlichen Hand  In den «Langfristperspektiven der öffentlichen Finanzen in der Schweiz 2012», schätzt das eidg. Finanzdepartement (EFD), dass die sogenannten demografieabhängigen Ausgaben (Sozialversicherungen, Gesundheit, Alterspflege, Bildung) ohne Gegenmassnahmen bis 2060 um 3,9 Prozent des Bruttoinlandprodukts BIP steigen werden. Während auf Bundesebene vor allem die Sozialversicherungen ins Gewicht fallen, sind es bei den Kantonen die Ausgaben für Gesundheit und die Langzeitpflege. 1

Zur Dämpfung des Kostenanstiegs drängt sich eine stärkere Abstützung der sozialen Sicherung mit einer nicht direkt von Geld und wirtschaftlicher Entwicklung abhängigen Säule auf. Es ist vernünftig, alle möglichen Massnahmen zu prüfen, welche die Kosten senken oder wenigstens nicht weiter ansteigen lassen. Dabei sollen auch Ressourcen miteinbezogen werden, die ausserhalb des Finanz- und Geldkreislaufes verfügbar sind. In diesem Zusammenhang lässt sich KISS als eine mögliche vierte Vorsorgesäule verstehen, die auf Ressourcen zugreift, die nicht an die individuelle Finanzkraft gebunden sind (vgl. Grafik G3 ).

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Finanzierungsmix in der Aufbauphase von KISS  Obschon das Modell KISS primär nicht auf eine Stärkung des Finanzkapitals setzt, kann auch KISS v. a. während seiner Aufbauphase 2014–2018 nicht auf finanzielle Unterstützung verzichten. Diese wird ihm v. a. durch schweizweit tätige Stiftungen zuteil. Um die ressourcenintensiven Grundlagen zu erarbeiten (Software, Evaluationen, Infrastruktur, Weiterbildungen, interne Seminare, Öffentlichkeitsarbeit, rechtliche Klärungen usw.), wurden in den ersten vier Jahren seit Bestehen des Vereins zudem etwa 15 000 klassische Freiwilligenstunden geleistet.

KISS stärkt die Verbindlichkeit des Generationenvertrags.

Der Aufbau und die Finanzierung von KISS-Gruppen und späteren Genossenschaften verlaufen unterschiedlich, je nach örtlichen Bedürfnissen oder Vorgaben und Wünschen der Initiantinnen und Initianten. Für das langfristige Bestehen der Genossenschaften ist der dezentrale Bottom-up-Ansatz äusserst wichtig. Er vermittelt das Gefühl und die Sicherheit dazuzugehören, mitzubestimmen und etwas Gutes für sich und die Gesellschaft zu tun. Unterstützt wird die Aufbauarbeit manchmal durch eine Anschubfinanzierung der Gemeinde, durch lokale Stiftungen, Firmen oder durch Zusammenarbeitsvereinbarungen mit karitativ tätigen Akteuren wie den Kirchen.

Entlastung der öffentlichen Hand  Das Entlastungspotenzial, das ein Modell wie KISS der öffentlichen Hand durch eine Verminderung von Pflege- und Gesundheitskosten oder Ergänzungs- und Sozialleistungen anbietet, kann derzeit nicht beziffert werden. Im Frühjahr sollte eine erste Untersuchung vorliegen, welche die quantitative Dimension dieses Nutzens abschätzt. Damit wird das Modell KISS künftig nicht nur in seiner qualitativen und zivilgesellschaftlichen Wirkung beurteilt werden können, sondern auch als finanzielle bzw. wirtschaftliche Grösse. Vergleicht man die Pflege- und Hotelleriekosten in Heimen oder Spitex-Dienstleistungen mit den Organisationskosten für die KISS-Betreuung – die ausdrücklich keine Pflege beinhalten darf – sind diese nach der aufwendigeren Aufbauphase bescheiden: KISS rechnet mit einem Stellenprozent pro Person, die gut begleitet zu Hause wohnen bleiben kann, nicht vereinsamt und welche die Verbindlichkeit des Generationenvertrags im täglichen Austausch niederschwelliger Hilfe erleben darf.

  • Literatur
  • Gasser, Nadja; Knöpfel, Carlo; Seifert, Kurt (2015): Erst agil, dann fragil. Übergang vom «dritten» zum «vierten» Lebensalter bei vulnerablen Menschen, Zürich: Pro Senectute Schweiz.
  • Fussnoten
  • 1. www.efd.admin.ch > Dokumentation > Publikationen > Periodika > Langfristperspektiven der öffentlichen Finanzen in der Schweiz 2012.