CHSS Nr. 3 ⁄ September 2017

Sozialversicherungen: Gesamtrechnung 2015 liegt vor

In der Gesamtrechnung 2015 stagnierten die Einnahmen der Sozialversicherungen mit einem minimen Zuwachs von 0,4 Prozent, während die Ausgaben mit 3,2 Prozent deutlich zulegten, eine Entwicklung, die längerfristig das finanzielle Gleichgewicht der Sozialversicherungen gefährden würde.

Die Gesamtrechnung der Sozial­versicherungen (GRSV) wird jährlich auf den Finanzdaten aller Sozialversicherungen berechnet, um die Entwicklung und die finanzielle Stabilität der sozialen Sicherung zu bewerten. Da die Finanzdaten der auf dezentralen Strukturen basierenden beruflichen Vorsorge (BV), Krankenversicherung (KV), Unfallversicherung (UV) und Familienzulagen (FZ) jeweils erst rund ein Jahr nach ihrer Erhebung greifbar sind, bezieht sich die aktuellste Gesamtrechnung jeweils nicht auf das abgeschlossene, sondern auf das vorvergangene Kalenderjahr. Das bedeutet, dass sich die GRSV, die nun Mitte 2017 publiziert wird, auf die Zahlen von 2015 stützt.

Die Soziallast- und die Sozialleistungsquote sind wichtige Kennzahlen, die eine volkswirtschaftliche Beurteilung der Gesamtrechnung erlauben. Erstere ist ein Indikator für die volkswirtschaftliche Belastung, die durch das Entrichten der Sozialversicherungsbeiträge, die öffentlichen Beiträge und die laufenden Kapitalerträge entsteht. Die Sozialleistungsquote misst mit dem Verhältnis von Sozialleistungen und BIP den potenziellen Anspruch der Leistungsempfänger auf die volkswirtschaftliche Wertschöpfung. Aus finanzieller Perspektive ist sie eine Annäherung an die Sozialversicherungsausgaben gemäss GRSV.

Entwicklung der Sozialversicherungen aus volkswirtschaftlicher Sicht Im Fünfjahresvergleich nahmen sowohl die Soziallast- als auch die Sozialleistungsquote tendenziell zu (vgl. Grafik g1), wobei erstere im Vergleich zu letzterer in den beiden letzten Jahren allerdings stagnierte (vgl. Grafik g2).

 Volkswirtschaftlich am aussagekräftigsten sind die Veränderungsraten in BIP-Prozentpunkten (vgl. Grafiken g3–G5): Im Verhältnis zur Wirtschaftsentwicklung (BIP) hat sich die Finanzierung der Sozialversicherungen 2011–2013 intensiver entwickelt als in den darauffolgenden beiden Jahren vgl. Grafik G3). Entwickelte sich die Leistungsquote 2010 und 2011 rückläufig, weist sie mit Ausnahme von 2014 in der Tendenz eine deutliche Entwicklung aus (vgl. Grafik G4). 2015 stand sie mit einem Wachstum von 0,6 Prozentpunkten im Zeichen des Ausbaus.

Die kombinierte Betrachtung beider Quoten illustriert das finanzielle Gleichgewicht in der volkswirtschaftlichen Perspektive (vgl. Grafik G5): Danach hat sich 2010, 2011 und 2013 eher die Belastung durch die Finanzierung verstärkt, während 2015 eine Verstärkung der Leistungen dominierte. 2012 und 2014 ergab sich ein eher gleichgewichtiger, relativer Ausbau der sozialen Sicherung. Ausgenommen 2010 und eventuell 2014 war das Jahrfünft durch eine deutliche Bedeutungszunahme der sozialen Sicherung gekennzeichnet.

Gesamtrechnung 2015 In der neuesten Gesamtrechnung resultierte bei Einnahmen von 174,4 und Ausgaben von 157,6 Mrd. Franken ein Ergebnis von 16,8 Mrd. Franken (vgl. Tabelle T1). Trotz dieses positiven Rechnungssaldos stieg das zusammengefasste Sozialversicherungskapital 2015 aufgrund von Kapitalwertverlusten (inkl. anderen Veränderungen) von 5,6 Mrd. Franken nur um 11,2 Mrd., von 871,3 auf 882,5 Mrd. Franken.

eNTwickluing der Sozialversicherungen aus finanzieller Sicht In der rein finanziellen Sozialversicherungsperspektive zeigten die Jahre 2010–2014 insgesamt eine für das finanzielle Gleichgewicht erfreuliche Entwicklung (vgl. Grafik G6): 2010 und 2011 sowie 2013 und 2014 vermochte der Einnahmenzuwachs den Ausgabenzuwachs mehr als auszugleichen, d.h. es bestand eine Tendenz zu einem insgesamt besseren Finanzierungssaldo. Bis Ende 2015 wurde diese Tendenz jedoch durch die Entwicklungen von 2012 und 2015 gerade in etwa kompensiert, was sich in ähnlich grossen Rechnungssaldi von 16,2 Mrd. Franken 2010 und 16,8 Mrd. Franken 2015 niederschlug.

Erweiterte Perspektive auf die Entwicklung 2015 Die Gesamtrechnung verzeichnete 2015 für alle Sozialversicherungen einen Ausgabenzuwachs. Die höchste Veränderungsrate wies die KV aus, gefolgt von der ALV und der BV. Die Veränderungsraten der Ausgaben (vgl. Grafik G7) zeigen, dass die einzelnen Sozialversicherungszweige sich unterschiedlich dynamisch entwickelten, wobei die grössten Bewegungen bei der KV und der ALV zu verzeichnen waren. Die Dynamik der Ausgabenentwicklung allein lässt allerdings keine Aussage zur extrem unterschiedlichen Bedeutung der einzelnen Zweige für die Gesamtausgaben zu.

Um den Beitrag der einzelnen Sozialversicherungszweige an die Gesamtausgaben und damit deren Gewicht in der gesamten sozialen Sicherung zu beurteilen und eine Art gewichteter Ausgabendynamik darzustellen, wurden die Veränderungsraten mit dem Anteil der Versicherungszweige an den Gesamtausgaben gewichtet (vgl. Grafik G8). Neben den Veränderungsraten wird damit auch der absolute Beitrag der einzelnen Sozialversicherungen an die Zunahme der Gesamtausgaben ersichtlich: Je grösser die „Fläche“ eines Zweiges, desto grösser ist sein Beitrag zum Gesamtwachstum der Ausgaben. So trug beispielsweise die BV, die mit 3,2 Prozent nur die dritthöchste Zuwachsrate aller Sozialversicherungszweige auswies, einen bedeutenden Anteil am Wachstum der Gesamtausgaben.

ausblick auf die Gesamtrechnung 2016 Die Finanzdaten zu den zentral verwalteten AHV, IV, EL, EO und ALV sind bereits vorhanden und erlauben einen Ausblick auf die Gesamtrechnung 2016 (vgl. Tabelle T2): Die Beitragseinnahmen der AHV und IV stiegen 2016 um 1,5 Prozent, während die entsprechenden Ausgaben für Sozialleistungen um 1,9 bzw. 0,4 Prozent zunahmen. Unter Berücksichtigung der finanziellen Bedeutung der AHV-Leistungen für das Ergebnis der Gesamtrechnung ist damit eine leicht negative Tendenz auszumachen. Werden die Ausgaben der finanziell weniger bedeutenden EO und ALV (+2,5% und +9,1%) mit eingerechnet, verstärkt sich die negative Tendenz eher weiter.

Was zu 2017 und 2018 bereits bekannt ist Die Ausgaben der zentral verwalteten Sozialversicherungen werden sich 2017 voraussichtlich im Rahmen des Vorjahres entwickeln (vgl. Tabelle T3). Da sich das nominelle BIP 2017 gemäss Prognosen im Vorjahresvergleich stärker entwickeln dürfte, besteht Aussicht auf eine gleichbleibende Sozialleistungsquote. Zur tatsächlichen Entwicklung der Sozialversicherungseinnahmen und damit der Soziallastquoten 2017 und 2018 gibt es derzeit (April 2017) noch keine aufschlussreichen Daten.