CHSS Nr. 1 ⁄ März 2020

Nationale IIZ-Tagung 2019

Die nationale IIZ-Tagung fand 2019 in St. Gallen statt. Neben der dortigen IIZ, die sich durch eine optimale Nutzung der Regelstrukturen auszeichnet, wurde auch der unter Leitung des SEM entwickelte Werkzeugkasten vorgestellt, der den kantonalen IIZ-Strukturen seit Anfang 2020 zur Verfügung steht, um die Integration von Flüchtlingen potenzialorientiert anzu­gehen.

Um die Vernetzung, den Erkenntnisaustausch und den Wissenstransfer zwischen den Kantonen, aber auch zwischen den Kantonen und den nationalen IIZ-Gremien zu fördern, organisiert die IIZ jedes Jahr eine nationale Tagung, die primär den kantonalen IIZ-Koordinatorinnen und -Koordinatoren als Plattform dienen soll. Dies schafft Synergien und stösst neue Projekt an. Die Tagung wird jedes Jahr in einem anderen Kanton durchgeführt. Seit 2015 fand sie in den Kantonen Neuenburg, Bern, Schaffhausen, Wallis und 2019 nun in St. Gallen statt; 2020 ist sie im Kanton Aargau geplant.

Rückblick auf die Tagung in St. Gallen Die Tagung in St. Gallen fand am 30. und 31. Oktober 2019 statt: Diskutiert wurden die IIZ-Struktur des Kantons St. Gallen und einzelne Projekte der beruflichen Integration, das Pilotprojekt Potenzialabklärungen bei vorläufig Aufgenommenen und Flüchtlingen des Staatssekretariats für Migration (SEM) sowie die Pläne für ein Projekt zur standardisierten unternehmensbasierten Erhebung und Analyse von Arbeitsmarktfähigkeit. Organisiert hat die Tagung die nationale Fachstelle in Zusammenarbeit mit der Stadt St. Gallen als Durchführungsort.

IIZ im Kanton St. Gallen Regierungsrat und Vorsteher des St. Gallen Volkswirtschaftsdepartsments Bruno Damann, der die Tagung eröffnete, hob die zentrale Bedeutung der IIZ für die gesellschaftlichen Herausforderungen hervor und verwies auf die lange IIZ-Tradition in seinem Kanton sowie den Fokus, der in St. Gallen auch auf gesundheitliche Aspekte gelegt wird. Ergänzend betonte Sonja Lüthi als verantwortliche Stadträtin der Sozial- und Sicherheitsdirektion die Verantwortung und die Verpflichtung der Städte zur IIZ, um der überproportional hohen Sozialhilfequote zu begegnen. Die berufliche Integration, die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft sowie die Aus-und Weiterbildung seien zentrale Themen ihrer Direktion.

Basis der St. Gallen IIZ ist die optimale Nutzung der Regelstrukturen (Kreienbühl/Abderhalden 2017). Das Hauptziel ist die nachhaltige berufliche Integration von Personen mit gesundheitlichen und persönlichen Einschränkungen (Mehrfachproblematik) in den ersten Arbeitsmarkt. Die betroffenen Personen werden im Rahmen eines Case Managements, das durch die einzelnen Institutionen sorgfältig aufeinander abgestimmt wird, umfassend begleitet. Für die Arbeitgeber heisst IIZ ein koordiniertes Miteinander im Dienste der betroffenen Personen; v. a. soll die rechtzeitige Hilfestellung eine Ausgliederung aus dem Erwerbs- und Gesellschaftsleben verhindern.

Im Sinne der Empfehlung der Volkswirtschaftsdirektoren- (VDK) und der Sozialdirektoren-Konferenz (SODK) sowie des Regierungsratsbeschlusses vom 22. Mai 2002 sollen

  • Überschneidungen und zeitliche Verzögerungen ver­mieden;
  • administrative Abläufe schlank und kundenfreundlich gestaltet;
  • die Wiedereingliederung der Stellensuchenden ­koordiniert;
  • die Ausgliederung von Individuen und Gruppen aus 
dem Arbeitsmarkt verhindert;
  • die Verbindungen zu Unternehmungen und Leistungs­erbringern geschaffen;
  • und eine frühzeitige, eingliederungsorientierte ­Zusammenarbeit gefördert werden.

Als gelungenes Beispiel einer solchen IIZ präsentierte der Leiter Suchttherapie und Rehabilitation Felix Schneider das stationäre RAV-Einsatzprogramm mit integrierter Suchttherapie am Zentrum für Suchttherapie und Rehabilitation Mühlhof. Dank einer Leistungsvereinbarung mit der Stiftung kann der Kanton Stellenlosen mit einer Suchtproblematik zehn Jahresplätze anbieten, an denen diese während rund sechs Monaten ihren problematischen Konsum ver­ändern sowie ihre Arbeitsmöglichkeiten und -fähigkeiten klären und verbessern können, sodass sie in der Lage sind, wieder im ersten Arbeitsmarkt Fuss zu fassen.

Anschliessend stellten Mitglieder des St. Gallen IIZ–Expertengremiums (Vertreterinnen und Vertreter der IV, ALV, SUVA, Arbeitgeber und der kantonale Gewerbeverband) ihre Arbeit im Rahmen einer Podiumsdiskussion vor: Das IIZ-Expertengremium besteht aus acht Organisationen und trifft sich ein bis zwei Mal jährlich. Es fördert die aktive Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Arbeitgebern, Versicherungen und Sozialämtern. Ein zentrales Instrument ist das Merkblatt für die Zusammenarbeit, welches mit Blick auf die Fragen zum Arbeitsmarktfähigkeitszeugnis erarbeitet wurde (www.sg.ch > Wirtschaft & Arbeit > IIZ-Interinstitutionelle Zusammenarbeit > Ziele der Interinstitutionellen Zusammenarbeit > Merkblatt zur Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Arbeitgebern und Versicherungen und Sozialämtern, PDF).

Weitere kantonale Projekte Im Sinn eines Austauschs über Good Practice kamen kurz auch weitere interessante kantonale Projekte zur Sprache.

  • Kooperation Arbeitsmarkt, Kanton Aargau: Unter dem Namen Kooperation Arbeitsmarkt arbeiten die IV, die SVA Aargau und die RAV des Amts für Wirtschaft und Arbeit (AWA) mit interessierten Gemeinden systematisch und intensiv zusammen. Diese schweizweit einzigartige Zusammenarbeit hat das Ziel, mehr stellensuchende Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren und Arbeitgeber schnell und unbürokratisch zu beraten.
  • Neue Strategie bei der beruflichen Integration, Kanton Neuenburg: Umsetzung einer Politik der beruflichen Eingliederung, die zwischen allen kantonalen Akteuren abgestimmt ist und sich sowohl an den Bedürfnissen der Zielgruppen als auch des Marktes orientiert, sodass Stellensuchende rasch und dauerhaft in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden können.
  • Unités communes, Kanton Waadt: Die Unités communes bringen Personalberater RAV und Sozialassistenten zusammen, um die Begleitung von Sozialhilfeempfängern zu verbessern, die ein realistisches Potenzial haben, sich ­(wieder) in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren.

Gezielte Integration von vorläufig Aufgenommenen und Flüchtlingen dank Potenzialabklärungen Die Potenzialabklärung ist ein zentrales Anliegen der Integrationsagenda Schweiz. In enger Abstimmung mit den IIZ-Partnern hat ein Projektteam der Integrationsabteilung des SEM unter dessen stellvertretendem Leiter Tindaro Ferraro sowie Dr. Tobias Fritschi der Berner Fachhochschule auf der Basis bestehender Instrumente systematisch ein neues Instrumentarium entwickelt, das als Werkzeugkasten konzipiert ist. Dieser enthält aufeinander abgestimmte Formulare, methodische Hilfsmittel und Leitfäden, die letztlich aufzeigen, mit welchen Verfahren (Gespräch, Praxisassessment, Test usw.) sich welche Ressourcen abklären lassen. Seit Anfang 2020 steht der Werkzeugkasten den Kantonen auf Deutsch, Französisch und Italienisch zur Verfügung (Laubscher 2019).

An der anschliessenden Podiumsrunde nahmen Expertinnen und Experten aus der Praxis teil und beantworteten Fragen aus dem Publikum. Hervorgehoben wurden die Vorzüge eines theoriebasierten, breit abgestützten und systematisch aufbereiteten Instrumentariums, das eine durchgehende Fallführung befördert und aufgrund seiner Komplexität aber auch entsprechendes Wissen in der Fallführung bedarf. Diskutiert wurden zudem Fragen bezüglich Aufwand, Datenschutz sowie Weiterentwicklungs- und Evaluationspotenzial.

Projekt zur Arbeitsmarktfähigkeit Prof. Dr. Stephan Böhm, geschäftsführender Direktor des Center for Disability and Integration der Universität St. Gallen, und Ueli Streit, Geschäftsführer der MindStep AG, stellten ihre Pläne für ein Projekt vor, in welchem ab Anfang 2020 eine webbasierte Business-Intelligence-Lösung entwickelt werden soll, zur standardisierten Erhebung und Analyse von unternehmensinternen Systemkennzahlen und subjektiven Einschätzungen ihrer Mitarbeitenden zur Steuerung der Arbeitsmarktfähigkeit und des Job-Matching. Dabei sollen die Bedürfnisse der Unternehmen, Mitarbeitenden und sowie die rechtlichen Grundlagen der Sozialversicherungen gleichermassen integriert bzw. berücksichtigt werden.