CHSS Nr. 3 ⁄ September 2019

Narrative zur Prävention von Radikalisierung im Internet

Extremistische Radikalisierung vollzieht sich zunehmend unter dem Einfluss des Internets. Junge Menschen sind hierfür besonders anfällig. Vier Schweizer Pilotprojekte haben im letzten Jahr Internetangebote entwickelt, um der Online-Radikalisierung vorzubeugen. Ihr Vorgehen und ihre Ergebnisse wurden wissenschaftlich evaluiert.

Verschiedene Extremisten werben im Internet meist mittels Videobotschaften für ihre Ziele und versuchen, junge Menschen zu bekehren. Diesen im Internet präsentierten radikalen und extremistischen Inhalten gilt es, valide Informationen, sogenannte Gegen- bzw. alternative Narrative, entgegenzusetzen. Als Gegennarrativ werden dabei Botschaften verstanden, die sich explizit gegen extremistische Inhalte wenden und diese dekonstruieren. Alternative Narrative fokussieren hingegen die Vermittlung positiver Inhalte und werben beispielsweise für Toleranz, gegenseitiges Verständnis und Demokratie. Im Rahmen des Schwerpunktthemas 2017–2018 «Extremismus und Radikalisierung» hat die Nationale Plattform Jugend und Medien des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) vier Pilotprojekte ausgewählt und unterstützt, die Gegen- bzw. alternative Narrative er­arbeitet haben. Das Institut für Delinquenz und Kriminalprä­vention der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat diese Pilotprojekte zusammen mit der Hochschule für Soziale Arbeit in Freiburg (HES-SO) evaluiert. Neben der Qualitätssicherung diente die Untersuchung der Erarbeitung von Wissen über die Umsetzung und die möglichen Wirkungen solcher Projekte. Methodisch kam dabei ein plurales Vorgehen zum Einsatz: Es wurden verschiedene Formen qualitativer Interviews (mit partizipierenden Jugendlichen, Projektleitenden, unabhängigen Experten), Workshopbeobachtungen, Gruppendiskussionen, Internetrecherchen und eine standardisierte Befragung durchgeführt.

Die Pilotprojekte Zusammen mit einem Gremium nationaler Expertinnen und Experten wählte das BSV Pilot­projekte aus, die es in der Folge finanziell unterstütze und ideell begleitete. Dabei wurde darauf geachtet, eine möglichst grosse Bandbreite an Narrativen abzubilden. Es ­wurden stärker bildbezogene und stärker textbasierte Narra­tive umgesetzt; es wurden Projekte gefördert, die sich eher als Gegennarrative verstanden, und Projekte, die alternative Narrative erstellten. Bei allen Projekten ware Jugendliche bzw. junge Erwachsene an der Ausarbeitung der Narrative beteiligt.

Im ersten ausgewählten Projekt, «Winfluence», wurden fünf Comic-­Videoclips erarbeitet, die sich Themen wie Gewalt in Paarbeziehungen und Fremdenfeindlichkeit widmeten. Im zweiten Projekt, «KnowIslam», wurden einerseits Bildtexte (Zitate aus dem Koran) und andererseits Informationsvideos über den Islam (z. B. zum Thema Gewalt im Islam) entwickelt. Das dritte Projekt, «SwissMuslimStories», fertigte zehn kurze Videoportraits über junge muslimische Erwachsene an. Im Rahmen des vierten Projekt, «PositivIslam», erstellten und verbreiteten junge Bloggerinnen und Blogger Posts. Während die drei erstgenannten Projekte die deutschsprachige Schweiz abdeckten, wandte sich das letzte Projekt an ein französisch- und italienischsprachiges Publikum.

Erkenntnisse zur Umsetzung Der Projektansatz des BSV, mit einer Ausschreibung und einer finanziellen Teilförderung einen Impuls für die Entwicklung von Narrativprojekten zu setzen, kann insgesamt als gelungen eingestuft werden. Auch wenn die vier Projekte ihre anspruchs­vollen Ziele und Zielgruppen nicht immer erreicht haben, sind zahlreiche Narrative in Form von Videoclips oder Textbeiträgen erarbeitet worden.

Zur positiven Beurteilung trägt erstens bei, dass von Beginn weg meist klare Konzeptideen bezüglich der zu erarbeitenden Projekte vorlagen, die sich auch an vorhandenen Projekten aus anderen Ländern orientierten. Zweitens wurde in verschiedenen Projekten externe Kompetenz einbezogen, die für die professionelle Umsetzung zentraler Projektschritte entscheidend war (z. B. Kampagnen-­Agentur, Filmemacher, Theaterpädagogin). Drittens wurden in allen Projekten Jugendliche bzw. junge Erwachsene einbezogen, entweder in einer sehr aktiven Rolle (Erarbeitung von Szenen für Comics, Bloggergruppe) oder in einer eher beratenden Rolle.

Auch wenn die Einbindung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen wichtig ist, stellt sie einige Herausforderungen. Gerade wenn diese eine grosse Verantwortung für den Erfolg des Projekts übernehmen, wäre es angezeigt gewesen, sie von Beginn weg in die Konzeptentwicklung einzubeziehen, um ihre Motivation zu stärken. Da mit der Radikalisierung und der Projektidee zum Narrativ aber sowohl das Thema als auch das Konzept vorgegeben waren, waren die Partizipationsmöglichkeiten der Jugendlichen und jungen Erwachsenen begrenzt. Eine zusätzliche Herausforderung bestand darin, dass sich diese gerade bei Projekten, die Videomaterial erarbeiten, exponieren. Hier waren Vorkehrungen zu treffen, die die Jugendlichen vor negativen Auswirkungen ihres Engagements schützen, was weitestgehend gelang.

Ein entscheidendes Merkmal des Projektansatzes des BSV war, dass alle erarbeiteten Narrative vor der Veröffentlichung einem Gremium an Expertinnen und Experten vorgelegt wurden, um dem Risiko vorzubeugen, Inhalte zu verbreiten, die nicht eindeutig als Gegen- bzw. alter­native Narrative aufgefasst werden könnten. Einige der Projektteams kritisierten, dass sich ihre Projekte aufgrund von Änderungswünschen um rund zwei Wochen verzögerten. Es muss jedoch betont werden, dass dieser Prozess zur Qualitätssicherung der Narrative beigetragen hat.

Hinsichtlich der Verbreitung der erarbeiteten Narrative hat sich gezeigt, dass seit der Veröffentlichung auf verschiedenen Kanälen der Sozialen Medien z. T. eine beachtliche Anzahl an Zugriffen erfolgt ist. Dies war vornehmlich dann der Fall, wenn die Narrative mit finanzieller Unterstützung beworben wurden. Aber selbst in den Fällen, in denen viele Personen die Narrative gesehen haben, hat dies in den wenigsten Fällen zu irgendwelchen Aktivitäten geführt. Kommentierungen, Empfehlungen usw. fanden nur selten statt. Umfangreiche Debatten auf Plattformen der Sozialen Medien hat keines der Projekte bzw. keines der Narrative aus­gelöst. Grundsätzlich hat sich bezüglich der Verbreitung von Narrativen gezeigt, dass es neben Online- auch Offline-­Aktivitäten bedarf. Für eine bessere Verbreitung sind Kooperationen mit Organisationen einzugehen, über die dann die erarbeiteten Inhalte geteilt werden können.

Um die Verbreitung und letztlich das Potenzial der erarbeiteten Narrative zu optimieren, bedarf es im Anschluss an die Erarbeitung zudem eine Art Umsetzungsphase. Die Projekte haben bislang kein Konzept, das ihre Nachhaltigkeit sicherstellt; gleichwohl sind Ideen zu möglichen Anschlussprojekten vorhanden. So könnten die Videos später beispielsweise mit Leitfäden oder andere Handreichungen begleitet werden, die ihren strukturierten Einsatz in der Schule oder in der Jugendarbeit ermöglichen.

Erkenntnisse zur Wirkung Anhand von Interviews mit Expertinnen und Experten, insbesondere aber aufgrund einer zusätzlich durchgeführten standardisierten Befragung von über 1500 Jugendlichen und jungen Erwachsenen kann eine präventive Wirksamkeit der Narrative vermutet werden. In der Befragung wurde untersucht, wie sich Videos der Pilotprojekte im Vergleich zu Videos mit dem Thema «Zivilcourage» auf die Einstellungen der Betrachterinnen und Betrachter auswirkten.

Zunächst zeigte die Befragung aber, dass die Inhalte der Videos weitestgehend richtig verstanden wurden – die Befragten wurden gebeten, unmittelbar nach dem Abspielen der Videos eine kurze Inhaltsangabe zu notieren. Zugleich machten die Befragten aber auch Probleme und Weiter­entwicklungsmöglichkeiten deutlich, die zum Teil die transportierten Botschaften, zum Teil die formalen Gestaltungselemente (z. B. Musik) betrafen. Insgesamt bewerteten die Zielgruppen die Narrative aber mehrheitlich positiv: Bei vier von fünf Narrativen gab mehr als die Hälfte der Befragten an, dass der Videoclip gefallen hat. Die Auswertungen belegen zudem, dass die Narrative relevante Themen ansprachen, dass sie Betroffenheit auslösten und zur Reflexion Anlass gaben. Muslimische Befragte stuften insbesondere die Videoclips des Projekts «Know­Islam» als ansprechend ein.

Nur eine Minderheit der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen waren der Meinung, dass die Narrative Gewalt und Radikalisierung vorbeugen. Solch eine subjektive Wirkungseinschätzung ist jedoch nicht gleichzusetzen mit der Wirkungsprüfung, wie sie mit dem Vergleich der Reaktionen auf die Videoclips der Pilotprojekte und der Zivilcourage-Videos im Rahmen der standardisierten Befragung erfolgt ist. Auch wenn die Ergebnisse zurückhaltend zu bewerten sind, weil kein experimentelles Design zur Anwendung kam, konnte belegt werden, dass die Toleranz durch Betrachtung der Videoclips leicht zunahm während gewaltbereite, extremistische und islamistisch-extreme Einstellungen leicht abnahmen.

Empfehlungen Gegen- bzw. alternative Narrative allein werden die Radikalisierung junger Menschen nicht ver­hindern. Narrative, verbreitet im Internet und in den Sozialen ­Medien, können immer nur der Baustein einer umfangreichen Strategie zur Prävention von Radikalisierung und Extremismus sein, dies auch, weil die Ursachen für Radikalisierung vielschichtig und komplex sind. Bezüglich solcher Narrative lässt die durchgeführte Evaluation einige Empfehlungen zu, die bei zukünftigen Projekten zu beachten sind:

  • Insofern Internet und Soziale Medien bei der Sozialisierung Jugendlicher und junger Erwachsener weiterhin eine bedeutende Rolle spielen werden, wären vergleichbare Pilotpro­jekte zur Entwicklung von Gegen- und alternativen Narrativen gegen islamistischen Extremismus und anderer Formen der Radikalisierung (z. B. Rechts­extremismus, Linksextremismus) zu begrüssen.
  • Von Bund, Kantonen und Gemeinden sollten zukünftig weiterhin Impulse für die Förderung von Präventionsprojekten im Internet und in den Sozialen Medien ausgehen. Die Umsetzung dieser Projekte sollte aber weiterhin durch unabhängige Organisationen erfolgen.
  • Jedem Projekt, das Narrative erarbeitet, ist zu empfehlen, ein unabhängiges Expertengremium einzusetzen, das die Narrative vor der Veröffentlichung prüft sowie für Fragen zur Erstellung der Narrative zur Verfügung steht. Die Kompetenzen dieser Expertinnen und Experten sind dabei jeweils projektspezifisch zu bestimmen. Es sollten aber sowohl inhaltliche (hier: Radikalisierung) als auch formale Aspekte (hier: Verbreitung in Sozialen Medien, Kommunikationsdesign) berücksichtigt werden.
  • Der internationale Austausch über Erfahrungen und Best-Practice-Modelle bei der Erarbeitung von Narrativen ist zu fördern.
  • Die Integration der muslimischen Bevölkerung in der Schweiz ist eine gesamtgesellschaftliche Heraus­forderung, zu der Narrative einen kleinen Beitrag leisten können. Förderlich können Informationsvideos oder Blogtexte, insbesondere aber Videos sein, die persönliche Geschichten in den Mittelpunkt stellen. Der Ansatz, Mus­liminnen und Muslime als selbstverständlichen Teil der Schweizer Gesellschaft darzustellen (und Muslimsein- und Schweizersein als ohne Weiteres vereinbar), beinhaltet ­Potenzial zum Abbau von Vorurteilen.
  • Projekte zur Entwicklung von Narrativen sind komplex. Es bedarf auf Seiten der Projektleitenden umfassender Projektmanagementqualitäten. Die Projekte lassen sich nicht durch eine Person allein bewältigen, sondern es braucht ein Netzwerk an verlässlichen Partnerinnen und Partnern. Für die Projekte sollte zudem gelten: Weniger ist im Zweifelsfall mehr. Eine Konzentration auf die Erarbeitung weniger Narrative und die Verbreitung auf wenigen Kanälen erscheint erfolgversprechend.
  • Bei der Projektierung von Narrativen sind ausreichend finanzielle Mittel für den Ein­bezug weiterer Expertisen (z. B. Homepagedesigner, Agenturen, Theaterpädagogen oder Filmemacher) einzuplanen.
  • Jugendliche und junge Erwachsene an der ­Erarbeitung von Narrativen zu beteiligen, ist ein notwen­diges und hilfreiches Vorgehen. Eine Herausforderung stellt das Thema «Partizipation» dann dar, wenn sie für ein Projekt die Hauptverantwortung tragen. Um ihre Motivation zu unterstützen, braucht es ent­weder bereits vor dem Start des Projekts Personen, die hierfür bereitstehen, oder aber es gibt genügend andere An­reize, um sie bei der Stange zu halten. Dass Jugendliche und junge Erwachsene einen grossen Teil ihrer Freizeit investieren, um ein Narrativ­projekt zum Erfolg zu führen, kann nicht ohne Weiteres vorausgesetzt werden. Wichtig erscheint ­zudem, Jugendliche und junge Erwachsene ab Projektbeginn in die Entwicklung der Projektidee zu involvieren oder bei einer späteren Einbindung offen zu sein, einen Schwerpunkt allenfalls auch anders als ursprünglich geplant zu setzen. Gerade die jüngeren Jugendlichen, die sich in einem Narrativ exponieren, das im Internet und via Social Media verbreitet wird, müssen geschützt werden. Dieses Spannungs­feld zwischen Partizipation und Sichtbarkeit ist im Vorfeld eines Projekts daher zu reflektieren.
  • Die Wirksamkeit von alternativen Narrativen und Gegen­narrativen ist mit geeigneten methodischen Verfahren fortlaufend zu prüfen.
  • Die Verbreitung von Narrativen geschieht nicht von selbst. Es braucht eine Strategie, welche die Online-Verbreitung offline unterstützt. Hierzu ist mit verschiedenen Organisationen und Personen zusammenzuarbeiten, die bestenfalls bereits in die Konzeption involviert werden. Möglicherweise ist eine höhere Verbreitung und auch Diskussion von Narrativen dann zu erwarten, wenn kontroversere Themen gewählt oder Fragestellungen provo­kativ bearbeitet werden.
  • Es sollten Möglichkeiten eruiert werden, inwieweit die Weiterbetreuung und -entwicklung der Narrative unterstützt werden kann. Die vorhandenen Videoclips eignen sich zum geführten Einsatz in unterschiedlichem Kontext. Entscheidend ist aber, dass entsprechende Leit­fäden oder Handreichungen erarbeitet werden.
  • Narrative sind ein Weg unter vielen, religiöse Themen zu vermitteln. Mit Blick auf die Entwicklung und Veröffentlichung entsprechender Narrative erscheint die Abstimmung in einem Expertengremium von besonderer Bedeutung.
  • Es ist zu begrüssen, wenn zukünftige Projekte weiterhin mit externen Evaluationen begleitet werden, um weitere Erkenntnisse zu diesem Themenfeld zu erarbeiten.