Nationales Programm gegen Armut: eine Bilanz CHSS Nr. 4 ⁄ Dezember 2018

Koordiniertes Denken und Handeln für die frühe Kindheit

Für die Armutsprävention, die Gesundheitsförderung und die Integration von Kindern mit unterschiedlicher Herkunft und verschiedenen Bedürfnissen ist die frühe Kindheit die ­zentrale Lebensphase. Dies haben in den letzten Jahren auch Bund und Kantone erkannt.

Ein Mensch lernt nie so viel wie in der frühen Kindheit; kein anderer Lebensabschnitt hat einen grösseren Einfluss auf seine motorische, emotionale, soziale und kognitive Entwicklung. Von Investitionen in den Frühbereich profitiert neben dem Kind auch die gesamte Gesellschaft, denn erstere sind um ein Vielfaches effektiver als spätere «Reparaturmassnahmen», die zu erhöhten Gesundheits- und Sozialkosten führen. Deshalb engagieren sich Bund und Kantone zunehmend im Frühbereich, wobei auch der Kooperations- und Vernetzungsbedarf der im Frühbereich tätigen Akteure deutlich geworden ist.

Im Rahmen des Nationalen Programms zur Prävention und Bekämpfung von Armut hat das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) von 2014 bis 2018 elf Projekte im Vorschulbereich mit insgesamt 603 000 Franken unterstützt; darunter die Folgenden:

Um die für die kindliche Entwicklung zentralen Übergänge erfolgreich zu gestalten, wurde mit dem durch das BSV und weitere Akteure finanzierten Tessiner Projekt Tipì ein umfassendes Netzwerk der Akteure im Frühbereich geschaffen.

Basierend auf dem «Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung» (Orientierungsrahmen 2012) entwickelte der Schweizerische Spielgruppenleiterinnenverband im Rahmen des Projekts «Quentins» Qualitätsrichtlinien für die pädagogische Arbeit in Spielgruppen. Denn obwohl die Spielgruppen in der deutschsprachigen Schweiz eine der am häufigsten nachgefragten Dienstleistungen für Familien mit kleinen Kindern sind (Meier/Schraner, 2017, S. 5), waren dort bisher kaum Qualitätsstandards etabliert.

Neben dem BSV hat auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Bedeutung der frühen Kindheit für die gesundheitliche Entwicklung erkannt: Frühkindliche Prägungen können einen Einfluss auf die spätere Entwicklung des Kindes haben und nichtübertragbare Krankheiten vorbeugen oder aber begünstigen. Im NCD-Schwerpunkt «Gesundheitsförderung und Prävention in der frühen Kindheit» (BAG 2018) formuliert das BAG konkrete Verbesserungsmassnahmen für die Versorgung im Frühbereich.

Die kantonalen Integrationsprogramme (KIP 2018) des Staatsekretariats für Migration (SEM) verfolgen seit 2014 das Ziel, die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund möglichst früh zu fördern, um deren Bildungschancen zu verbessern. Auch die KIP nutzen den Einbezug der Eltern, die Vernetzung der beteiligten Akteure und die dadurch gestärkte Koordination von Angeboten der frühen Förderung als Erfolgsfaktoren. Über die KIP investierten Bund und Kantone zwischen 2014 und 2017 rund 31 Millionen Franken in die Integration während der frühen Kindheit.

Zentral sind die Kantone auch bei der Umsetzung der Kantonalen Aktionsprogramme (KAP), die von der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz (Gesundheitsförderung Schweiz 2018) gefördert werden. Darin werden die psychische Gesundheit sowie die gesunde Ernährung und Bewegung von Kindern und Jugendlichen unterstützt. Seit 2015 vernetzt die Stiftung zudem über das Projekt «Miapas» Fachleute, die in der Gesundheitsförderung von Kleinkindern tätig sind. Dies geschieht unter anderem mit der Entwicklung gemeinsamer Grundlagen, Empfehlungen und Botschaften.

Auch das Netzwerk Kinderbetreuung Schweiz trug mit der nationalen Fachtagung «Schnittstellen im Frühbereich» am 19. November 2018 zur Vernetzung der Schlüsselakteure bei (Netzwerk Kinderbetreuung 2018).

Die vielseitigen Aktivitäten unterstreichen die Bedeutung der frühen Förderung als Querschnittthema. Nun gilt es, die Projekte in die Regelstrukturen zu überführen und nachhaltig zu finanzieren. Akteure auf Bundesebene müssen sich dem Thema frühe Förderung annehmen und die Vernetzung vorantreiben. Auch der Bundesrat stellte im April 2018 weiteren Handlungsbedarf in der Armutsbekämpfung fest (Stern et al. 2018, S. VIII). Trotzdem reduziert er sein finanzielles Engagement auf 500 000 Franken im Jahr – und das für die gesamte Armutspolitik des Bundes, nicht nur für den Frühbereich. Um das Moment des verstärkten Bewusstseins für die Bedeutung der frühen Kindheit nicht im Keim ersticken zu lassen, bedarf es einer langfristigen nationalen Strategie für die frühe Förderung, in der die Koordination der Bereiche Gesundheit, Soziales, Integration und Bildung im Frühbereich ein zentraler Pfeiler ist – für unsere Gesellschaft und unsere Kinder.