CHSS Nr. 3 ⁄ September 2018

Gesamtrechnung der Sozialversicherungen 2016/2017

2016 stiegen die Einnahmen aller Sozialversicherungen um 1,3, die Ausgaben um
1,1 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr resultierte damit ein leicht besseres
 Ergebnis von 17 Mrd. Franken. Mit Bekanntwerden der Daten von 2016 lässt sich die
Entwicklung der Sozialversicherungen über nunmehr 30 Jahre darstellen.

Gesamtrechnung 2016 Da die Finanzdaten der beruflichen Vorsorge, Krankenversicherung, Unfallversicherung und Familienzulagen auf dezentralen Strukturen basieren, liegen die definitiven Zahlen für das jeweilige Berichtsjahr über die Gesamtrechnung der Sozialversicherungen (GRSV) erst gut ein Jahr nach Ablauf des betreffenden Jahrs vor. Demzufolge basiert die aktuellste, 2018 zusammengestellte Gesamtrechnung auf den Zahlen von 2016. 2016 übertrafen die Einnahmen aller Sozialversicherungen mit 177 Mrd. Franken die Ausgaben von 159 Mrd. Franken (vgl. Grafik g1 und Tabellen T1 & T2). Ergänzt um die Kapitalwertänderungen von 22 Mrd. Franken (vgl. Kasten) bewirkte der Rechnungssaldo von über 17 Mrd. Franken eine Zunahme des Kapitals aller Sozialversicherungen (SV) um knapp 40 Mrd. auf 922 Mrd. Franken. Damit nähert es sich dem Wert einer Billion. Gemessen am BIP von 659 Mrd. Franken erreichte es mit 140 Prozent den grössten je verzeichneten Wert.

 


Die GRSV erfasst die acht Sozialversicherungen:

Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV),
Arbeitslosenversicherung (ALV),
Berufliche Vorsorge (BV),
Erwerbsersatzordnung (EO),
Familienzulagen (FZ),
Invalidenversicherung (IV),
Krankenversicherung (KV),
Unfallversicherung (UV)
sowie die Ergänzungsleistungen (EL), die als Bedarfsleistungen zur IV oder AHV die individuelle Existenzsicherung garantieren.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Einnahmen wie auch die Ausgaben der GRSV liegen nahe bei einem Viertel des BIP. Bei den Einnahmen und Ausgaben dominiert die BV, bei den Sozialleistungen die AHV. Alle Sozialversicherungen zusammen erbrachten Sozialleistungen von 139 Mrd. Franken, was einer Sozialleistungsquote (Anteil der Sozialleistungen am BIP) von 21,1 Prozent entspricht. Dies ist zusammen mit dem Vorjahreswert von 20,7 Prozent der höchste je erreichte Wert. Bereits 2003–2005 waren vorübergehend Werte zwischen 20,1 und 20,4 Prozent erreicht worden.


Die GRSV rechnet Kapitalwertänderungen nicht zu den laufenden Einnahmen

Die Einnahmen der GRSV werden ohne Kapitalwertänderungen berechnet. Kapitalwertänderungen sind volatil, von der jeweils aktuellen Bewertung der Finanzkapitalmärkte abhängig. Am Beispiel des SMI entstanden 2017 Wertgewinne von 14 Prozent, die aber bereits im Februar 2018 vorübergehend auf die Hälfte reduziert waren. Insbesondere sind Kapitalwertänderungen nicht Teil des volkswirtschaftlichen Kreislaufs und daher mit dem BIP nicht direkt vergleichbar. Die ihnen allenfalls entsprechende Wertschöpfung wird erst in der Zukunft entstehen.


Ausblick auf die Gesamtrechnung 2017 Die neusten Daten der zentral verwalteten AHV, IV, EL, EO und ALV erlauben erste Aussagen zur Gesamtrechnung 2017: AHV, IV und EO verzeichneten 2017 einen Anstieg der Lohnbeiträge um knapp 1 Prozent, die ALV um 1,9 Prozent. Die über allgemeine und zweckgebundene Steuern finanzierten Beiträge der öffentlichen Hand an AHV und IV stiegen um rund 2 Prozent. Inklusive die jährlich stärker schwankenden laufenden Kapitalerträge stiegen die AHV-Einnahmen um 1,3, die IV-Einnahmen um 1,7, die EO-Einnahmen um 1,0 und die ALV-Einnahmen um 1,8 Prozent. Da die Ausgaben von IV (0,4 Prozent), EO (−1,2 Prozent) und ALV (−1,5 Prozent) kaum stiegen bzw. sogar rückläufig waren, hat sich das Ergebnis GRSV dieser drei Versicherungen 2017 verbessert. Einzig die AHV, deren Ausgabenveränderung mit 1,8 Prozent die Einnahmenveränderung von 1,3 Prozent deutlich überstieg, erlitt 2017 eine Verschlechterung des Ergebnisses von −145 Mio. Franken auf −375 Mio. Franken. Insgesamt ergibt sich aber eine Verbesserung der zusammengefassten Ergebnisse von AHV, IV, EO und ALV um knapp 200 Mio. Franken. Damit ist das bis heute bekannte Ergebnis der GRSV 2017 gegenüber 2016 leicht besser.

30 Jahre GRSV: Bedeutungswandel einzelner Sozialversicherungen Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) berechnet die GRSV seit 30 Jahren. Die für Sozialversicherungen wichtigste Rechnungskomponente sind die Sozialleistungen (vgl. Grafiken G2 & G3).

Die BV verzeichnet den stärksten Anstieg der Sozialleistungen Im Zeitraum von 1987 bis 2016 verzeichnet die Summe der Sozialleistungen in der BV den steilsten Anstieg. Letztere ist erst seit 1985 obligatorisch und steht daher noch bis 2025 – bis die erste Rentnergeneration die vollen Beitragsjahre aufweist – in der Aufbauphase. Die Leistungssumme der BV näherte sich bis 2007/2008 der Leistungssumme der AHV an; seither entwickeln sich beide mehr oder weniger parallel. So scheint es, dass die mit viel höheren Einnahmen dotierte BV die Leistungssumme der AHV bis auf weiteres nicht erreichen wird. (vgl. Grafik G1 )

Die Krankenversicherung KV weist eine tendenziell ständig steiler werdende Entwicklung aus. Darin äussern sich ihre zunehmende Bedeutung bzw. die steigenden Kosten im Gesundheitswesen.Der Verlauf der IV-Kurve zeichnet den Strukturwandel der IV von der Renten- zur Eingliederungs- bzw. Wiedereingliederungsversicherung nach, der mit der 5. IV-Revision vom 6. Oktober 2006 angestossen wurde. Nach Inkrafttreten des Neuen Finanzausgleichs (NFA) 2008/2009 (Wegfall der Beiträge an Institutionen) – und vermindert nach 2009 – weist die IV sogar fallende Sozialleistungssummen aus. Seit dem Jahr 2012 stagniert die Leistungssumme der IV.

Die Arbeitslosenversicherung ALV versichert als einziger SV-Zweig ein wirtschaftliches Risiko, was im zyklischen Verlauf ihrer Leistungssumme deutlich zum Ausdruck kommt. In den Jahren 1995, 2001/2002 und 2009 verschlechterte sich die Arbeitsmarktsituation deutlich, im Gegenzug erhöhte sich jeweils die Leistungssumme der ALV. Während das Leistungsvolumen der FZ, UV, EL zur AHV und EL zur IV über den ganzen Zeitraum eine steigende Tendenz aufweist, fiel es bei der EO aufgrund der sinkenden Anzahl Dienstleistender bis 2004 tendenziell ab und nahm ab 2005 aufgrund der Zweckerweiterung der EO auf die Mutterschaftsentschädigung wieder zu.

Entwicklung der Sozialversicherungsanteile am Ausgabentotal der Sozialleistungen Die Anteile der Sozialversicherungen am Leistungstotal verdeutlichen den Bedeutungswandel einzelner Zweige in den letzten 30 Jahren. Denn obschon der Anteil von AHV und BV zusammen ungefähr gleichblieb (zwischen 53 und 58 Prozent bzw. seit 2004 zwischen 55 und 57 Prozent), entwickelte sich ihre jeweilige Bedeutung spiegelbildlich: Während der Anteil der AHV an der Leistungssumme bis 2006 um zehn Prozentpunkte sank und seither in der Nähe von 30 Prozent verharrt, stieg der Anteil der BV bis 2008 um knapp zehn Prozentpunkte an und bewegt sich seitdem bei einem Anteil von 26 Prozent. Eine stetige Bedeutungszunahme erlebte die KV. Ab Inkrafttreten des Obligatoriums 1996 stieg ihr Anteil am gesamten Leistungsvolumen der Sozialversicherungen bis 2016 um fünf Prozentpunkte an. Die IV hat ihren Anteil seit 2005 von 11 auf 6 Prozent fast halbiert. Die UV hingegen hat seit 1987 deutlich an Bedeutung verloren. Die Bedeutung der FZ, für die seit 2009 schweizweit einheitliche Mindestleistungsansätze gelten, stagniert seither bei 4 Prozent. Seit 1987 ist ihr Anteil an den Gesamtleistungen von 6 auf 4 Prozent zurückgegangen.


Zwei Gesamtrechnungen – unterschiedliche Perspektiven

Das BSV erfasst jährlich die Gesamtrechnung der Sozialversicherungen (GRSV). Diese stützt sich auf die Finanzdaten aller Sozialversicherungen und dient dem Bund als Grundlage seiner Sozialversicherungspolitik.

Das Bundesamt für Statistik (BFS) erstellt die Gesamtrechnung der Sozialen 
Sicherheit (GRSS), basierend auf den im Rahmen der von Eurostat definierten Massnahmen des Sozialschutzes. Sie ermöglicht in erster Linie den internationalen Vergleich.


Der vorliegende Artikel basiert auf der «Schweizerischen Sozialversicherungsstatistik» (SVS) 2018. Sie erscheint Ende 2018.

Bestellnummern (gratis):

  • SVS 318.122.18D
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Bezug unter:  www.bundespublikationen.admin.ch

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