CHSS Nr. 2 ⁄ Juni 2021

Dienstleistungsangebot für Familien

In der Schweiz gibt es ein grosses Begleit-, Beratungs- und Elternbildungsangebot für Familien. Eine neue Studie gibt einen systematischen Überblick über die aktuelle Angebotslandschaft und benennt die acht grössten Herausforderungen bezüglich Verfügbarkeit, Zugänglichkeit, Qualität und Zielgruppenerreichung.

Der Bund gewährt seit rund 70 Jahren Finanzhilfen an gesamtschweizerisch oder sprachregional tätige, gemeinnützige Familienorganisationen. Im Rahmen der dritten Revision des Familienzulagengesetzes (Art. 21f–21i FamZG; SR 836.2) wurde hierzu eine explizite gesetzliche Grundlage geschaffen und am 1. August 2020 in Kraft gesetzt (BBl 2019 1019). Die Bereitstellung von nichtmonetärer Begleit- und Beratungsangeboten für Familien sowie von Angeboten der Elternbildung liegt in der Zuständigkeit der Kantone und Gemeinden. Dem Bund kommt daher lediglich eine unterstützende Rolle zu. Da heute wenig darüber bekannt ist, welche Angebote und welche Anbieter in diesem Bereich bestehen, wurden Ecoplan und die Hochschule für Soziale Arbeit (HES-SO) Valais-Wallis vom Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) beauftragt, einen systematischen Überblick über das bestehende Angebot zu erarbeiten. Weiter galt es, die Angebote bezüglich ihrer Verfügbarkeit, Zugänglichkeit und Qualität zu beurteilen und zu bewerten, inwiefern sie ihre Zielgruppe erreichen. Nachfolgend werden die wichtigsten Erkenntnisse der Studie vorgestellt.

Identifikation und systematische Zuordnung des Begleit-, Beratungs- und Elternbildungsangebots In der Schweiz gibt es eine Vielzahl nichtmonetärer Dienstleistungsangebote für Familien. Die grosse Anzahl der Angebote in verschiedensten Themenbereichen und die stark verästelte Anbieterstruktur erschweren es jedoch, einen umfassenden Überblick zu gewinnen. Im Rahmen der Studie wurde eine Systematik und Typologie entwickelt, die hierfür eine gute Orientierungshilfe bietet.

Die Systematik orientiert sich an der Definition und den Zielen der Familienpolitik gemäss der Eidgenössischen Kommission für Familienfragen (EKFF). Demnach bezeichnet der Begriff Familie jene Lebensformen, die in den Beziehungen von Eltern und Kindern im Mehrgenerationenverbund begründet und gesellschaftlich anerkannt sind (EKFF 2021a). Weiter definiert sich Familienpolitik hier als Querschnittaufgabe über verschiedene politische Themen mit dem Ziel, die Leistungen der Familien in unterschiedlichen Familienphasen anzuerkennen und zu unterstützen (EKFF 2021b). Entsprechend folgt die entwickelte Systematik einerseits den Familienphasen entlang dem Lebenszyklus einer Familie bzw. dem Alter der Kinder und andererseits den Themenfeldern, auf die sich die Angebote fokussieren (vgl. Grafik G1).

Basierend auf der Übersichtsplattform der Elternberatung von Pro Juventute (Pro Juventute 2021), der Kursübersicht von Elternbildung CH (Elternbildung 2021) sowie einer ergänzenden Literatur- und Internetrecherche wurde die bestehende Angebotslandschaft analysiert. Die identifizierten Angebote wurden zu Angebotstypen zusammengefasst, die Angebotstypen wiederum den entsprechenden Angebotsfeldern (A1 bis D5) zugordnet.

Die zusammengetragene Angebotsübersicht lässt einige Erkenntnisse bezüglich der Angebotsvielfalt zu. So bestehen beispielsweise gerade für werdende Eltern oder Familien mit Kindern im Vorschulalter mehrere themenübergreifende Angebotstypen. Dazu gehören die Mütter- und Väterberatung oder die Wochenbett- und Stillberatung. Die grosse Angebotspalette in diesem Angebotsfeld ist darauf zurückzuführen, dass junge Eltern vermehrt Beratungsbedarf haben und es mittlerweile gesellschaftlich anerkannt ist, dass die ersten Lebensjahre die spätere Entwicklung eines Menschen wesentlich beeinflussen. Dementsprechend ist die frühe Förderung seit einigen Jahren ein gesellschaftliches und politisches Trendthema (vgl. auch Schwerpunktartikel dieser Nummer). Die Angebote dieses Angebotstyps zeichnen sich durch ihre Vielfalt aus und decken nicht nur inhaltlich, sondern sowohl bezüglich Zielgruppe, Art der Anbieter als auch der Form der Angebote verschiedene Kombinationen ab. Themenspezifische Angebote sind in dieser Familienphase hingegen weniger zahlreich.

Mit steigendem Alter der Kinder wächst die Anzahl themenspezifischer Angebotstypen. Mit dem Eintritt in die Schule und der anstehenden Berufswahl am Ende der Schulzeit sind Angebotstypen zum Thema Bildung wie Eltern–Lehrpersonen-Treffen oder die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung vermehrt gefragt. Auch die Themen Gesundheit und Konflikte nehmen eine zunehmend wichtige Rolle ein und spezifische Angebotstypen wie die Beratung zur sexuellen Gesundheit im Themenfeld Gesundheit oder das Elterncoaching im Themenfeld Krisen und Konflikte sind verbreitet. Zudem richten sich vermehrt Angebotstypen direkt an die Jugendlichen. Angebote ausschliesslich für Jugendliche können aber nicht als Familienangebote im Sinne der vorgestellten Studie verstanden werden und finden daher in der Studie keine Berücksichtigung, auch wenn bei Bedarf die Eltern in die Begleitung oder Beratung miteinbezogen werden.

Angebotstypen für Familien mit erwachsenen Kindern gibt es kaum. Wie bereits bei den Jugendlichen existieren zwar zahlreiche Angebote für Erwachsene, welche die Familien in den Problemlösungsprozess miteinbeziehen. Die Angebote richten sich aber primär an die betroffene Person und werden nicht als Angebote für Familien wahrgenommen. Ausnahmen bilden hier die Angebotstypen für pflegende Angehörige sowie psychosoziale Beratungsangebote für Angehörige. Diese richten sich an Familien mit spezifischen Herausforderungen und somit an eine spezifische Zielgruppe. Sie decken mehrheitlich eine breite Themenpalette ab, sind jedoch nicht auf die Stützung der Eltern–Kind-Beziehung ausgerichtet.

Weiter lassen sich nicht alle identifizierten Angebotstypen klar einer Familienphase zuordnen. Prominentestes Beispiel hierfür sind die Angebote der Elternbildung im engeren Sinn, aber auch Angebote für spezifische Familienformen wie Familien mit Adoptivkindern oder Regenbogenfamilien. Weiter fallen vor allem auch Angebotstypen darunter, die auf spezifische Themen fokussieren und sich unabhängig vom Alter der Kinder an alle Familien richten. Dazu gehören Angebotstypen zu Migration, wie Frauen- und Männer-Tische oder interkultureller Vermittlung sowie solche im Bereich Krisen und Konflikte, wie die sozialpädagogische Familienbegleitung, Krisenberatung, Besuchstreffs oder Angebote bei häuslicher Gewalt.

Beurteilung des Angebots – Acht Brennpunkte Neben dem Überblick und der Systematisierung des Angebots stand die eigentliche Analyse des Angebots im Zentrum der Studie. Sie erfolgte nach den vier Kriterien Verfügbarkeit, Zugänglichkeit, Qualität und Zielgruppenerreichung:

  • Verfügbarkeit der Angebote: Die Verfügbarkeit der Angebote beantwortet die Frage, ob ein entsprechendes Angebot in der Schweiz oder einer Region existiert oder nicht.
  • Zugänglichkeit der Angebote: Die Zugänglichkeit der Angebote beurteilt, wie gut unterschiedliche Bevölkerungsgruppen Zugang zu einem entsprechenden Angebot haben.
  • Erreichbarkeit der Zielgruppen: Die Erreichbarkeit der Zielgruppe beantwortet die Frage, ob die mit einem Angebot anvisierte Zielgruppe auch tatsächlich erreicht wird.
  • Qualität: Qualität misst sich daran, wie gut die Bedürfnisse der Zielgruppe abgedeckt werden und ob die Leistungen zielgruppengerecht bereitgestellt werden.

Um diese vier Kriterien zu bewerten, wurden unterschiedliche Dokumentationen zu den einzelnen Angeboten ausgewertet. Diese umfassten insbesondere reine Beschreibungen des Angebots in Flyern, Broschüren, Jahres- oder Tätigkeitsberichten der Anbieter sowie auf Websites. Auch kommunale und kantonale Konzepte und Berichte zur Familienpolitik sowie Angebotsevaluationen gehörten dazu. Die Dokumentationen unterscheiden sich stark bezüglich ihres Inhaltes, wobei Aussagen zu den vier obigen Kriterien nicht immer gegeben sind.

Eine wichtige Informationsquelle zur Analyse des Angebots waren zudem 28 Interviews mit Organisationen, die entsprechende Angebote vermitteln. Die Erkenntnisse der Analysen wurden schliesslich im Rahmen eines Webinars mit kantonalen und kommunalen Fachpersonen für Familienfragen diskutiert und geschärft. Daraus liessen sich acht zentrale Brennpunkte ableiten, welche durch verschiedene Non-Profit-Organisationen (NPO) im Rahmen einer Online-Vernehmlassung plausibilisiert und präzisiert wurden.

Brennpunkt 1: Unzureichendes Angebot im ländlichen Raum Sowohl in der Literatur als auch in den Gesprächen, dem Webinar und den Stellungnahmen der NPO wird das Angebot grundsätzlich positiv beurteilt. Eigentliche Angebotslücken werden nicht identifiziert. Allerdings wird die Verfügbarkeit regional unterschiedlich eingeschätzt, wobei vor allem Unterschiede zwischen Stadt und Land bestehen. In dicht besiedelten Regionen ist die Abdeckung mit Angeboten erwartungsgemäss hoch. In ländlichen Regionen ist die Angebotspalette kleiner, wobei überwiegend themenübergreifende Angebote verfügbar sind. Themenspezifische Angebote wären auf eine grössere Nachfrage angewiesen, die sie mit ihrem beschränkten Einzugsgebiet im ländlichen Raum nicht erreichen. Entsprechend sind themenspezifische Angebote dort meist nur überregional verfügbar. Das kann die Anfahrtswege für Familien deutlich verlängern, sodass die Angebote letztlich zu viel Zeit und Geld kosten und nicht beansprucht werden. Zu beachten ist jedoch auch, dass die rurale Bevölkerung andere Bedürfnisse hat als die urbane. Gewisse ihrer Bedürfnisse werden beispielsweise eher traditionell und informell durch Vereine nachbarschaftliche und familiäre Angebote oder die Kirche abgedeckt. Dadurch kann die Nachfrage nach anderen Unterstützungsangeboten geringer ausfallen.

Brennpunkt 2: Unübersichtlichkeit des Angebots Die Begleit-, Beratungs- und Elternbildungsangebote sind zahlreich und wurden in den vergangenen Jahren laufend ausgebaut. Gerade im urbanen Raum ist die Angebotsdichte sehr hoch. Interessierte stehen deshalb nicht nur vor der Herausforderung, sich einen Überblick über die Angebote zu verschaffen, sondern auch, das geeignete Angebot zu finden. Eine Übersicht und eine strukturierte Beschreibung des Angebots (z. B. aufgeschlüsselt nach Themen, Zielgruppen, Anbietern etc.) wären dabei hilfreich.

Brennpunkt 3: Unzureichende Versorgung mit aufsuchenden Angeboten für sozial benachteiligte Familien Mit dem bestehenden Angebot werden sozial benachteiligte Familien (häufig Familien mit Migrationshintergrund, armutsgefährdete und armutsbetroffene Familien sowie Familien mit bildungsfernen Eltern) nur mangelhaft erreicht. In der Einschätzung der NPO kann dies darauf zurückzuführen sein, dass ein geeignetes Angebot fehlt, aber auch, dass gewisse Angebote für sozial benachteiligte Familien nur eingeschränkt zugänglich sind (vgl. auch Brennpunkt 8). Entsprechend fordern sowohl die Literatur als auch viele Expertinnen und Experten den Ausbau aufsuchender Angebote.

Brennpunkt 4: Allfällige Kostenpflicht erschwert Zugang zum Angebot Die Expertinnen und Experten sind sich einig, dass eine allfällige Kostenpflicht den Zugang zum Angebot erschwert und dessen Nutzung beeinträchtigt. Relevant für die Zugänglichkeit des Angebots sind überdies auch indirekte Kosten, wie sie beispielsweise durch lange Anfahrtswege entstehen.

Brennpunkt 5: Eingeschränktes Beratungsspektrum erschwert Zugang zum Angebot Eine Ergänzung der klassischen Beratungsformen wie Face-to-Face-Beratungen vor Ort mit Onlineformaten und anderen alternativen Beratungsformen ist erstrebenswert. Denn erst durch einen optimalen Mix an verschiedenen Beratungsformen und -zeiten lassen sich unterschiedliche Bedürfnisse abdecken und die Zugangshürden senken.

Brennpunkt 6: Fehlende Sprachkenntnisse und mangelnde interkulturelle Sprachkompetenz unter den Anbietern Unabhängig vom Format der Angebote bleibt die Sprache ein wichtiger Faktor für die Zugänglichkeit der Angebote. Entsprechend ist es wichtig, dass sich Anbieter in den gängigsten Migrationssprachen verständigen und bei Bedarf Dolmetscherinnen und Dolmetscher sowie allenfalls auch kulturelle Vermittlerinnen und Vermittler beiziehen können. Weiter ist es unabdingbar, das Angebot in einfacher Sprache bzw. in mehreren Fremdsprachen zu dokumentieren. Häufig fehlen hierzu aber die nötigen finanziellen Mittel.

Brennpunkt 7: Beurteilung der Angebotsqualität ist schwierig und wird selten vorgenommen Die Qualität der Angebote bzw. Aussagen zu deren Nutzung und Wirkung lassen sich nur aus einzelnen Evaluationen herleiten. Die Evaluationen, die in der hier vorgestellten Studie erfasst wurden, beurteilen die Qualität der Angebote grundsätzlich positiv, und zusammenfassend zeigten sich auch die Eltern damit zufrieden. Zudem weisen die untersuchten Angebote eine hohe Wirksamkeit aus. Eine abschliessende Beurteilung der Qualität der einzelnen Angebote ist jedoch sehr schwierig. Trotzdem werden Evaluationen der Angebote von verschiedenen Akteuren als sehr wertvoll eingeschätzt.

Brennpunkt 8: Sozial benachteiligte Familien werden ungenügend erreicht Über alle Angebote hinweg lässt sich feststellen, dass vor allem sozial benachteiligte Familien schlecht erreicht werden. Dieser Missstand ist sowohl in der Literatur als auch in der Praxis bestens bekannt. Er wirkt sich in der ersten Familienphase der werdenden Eltern und Familien mit Kindern im Vorschulalter besonders aus, weil in dieser Phase die institutionelle Einbindung am schwächsten ist. Es fehlen zudem vor allem aufsuchende Angebote für sozial benachteiligte Eltern Jugendlicher am Übergang von Sek I in die Berufsbildung.

Lösungsansätze Die schlechte Zielgruppenerreichung kann auf verschiedene Ursachen, wie die fehlende Bekanntheit der Angebote bei der Zielgruppe, sprachliche Hürden oder die Angst vor einer Stigmatisierung, zurückgeführt werden. Lösungsstrategien wie eine proaktivere Information über wichtige Kontaktpersonen (Kinderärztinnen und Kinderärzte, Hebammen etc.), der Einsatz interkultureller Vermittler und Vermittlerinnen und die Förderung eines niederschwelligen Zugangs wurden bereits in mehreren Kantonen umgesetzt. Zugangshürden lassen sich beispielsweise abbauen, indem Angebote gebündelt an einem Ort bereitgestellt werden, wo Familien ohnehin verkehren. Dazu gehören etwa Quartier- oder Familienzentren. Kantone und Gemeinden setzen zudem auf aufsuchende Angebote und erschliessen den Zugang über Regelstrukturen wie Kinderbetreuungseinrichtungen, Schulen oder Einrichtungen des Gesundheitswesens. Eine funktionierende interinstitutionelle und interprofessionelle Vernetzung und Zusammenarbeit sind für die NPO Schlüsselfaktoren, um die Erreichbarkeit sozial benachteiligter Familien nachhaltig zu verbessern.