CHSS Nr. 4 ⁄ Dezember 2020

Die Taskforce «Perspektive Berufslehre» bündelt Kräfte

Die Taskforce «Perspektive Berufslehre» setzt sich dafür ein, dass trotz der Covid-19-Krise möglichst viele Jugendliche eine Lehrstelle finden und ihre Berufsbildung absolvieren können. Sie setzt auf das Engagement der Berufsbildungspartner und die interinstitutionelle Zusammenarbeit.

Durch die Corona-Situation ist der normale Ablauf der Berufswahl und der Einstellungsverfahren wie Schnupperlehren oder Vorstellungsgespräche beeinträchtigt. Die Jugendlichen sollen trotzdem eine Lehrstelle finden und die Lehrbetriebe ihre offenen Lehrstellen besetzen können.

Möglichst viele Jugendliche sollen eine Lehrstelle finden Zur Verhinderung einer Lehrstellenkrise hat Bundesrat Guy Parmelin das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) im Mai 2020 beauftragt, eine Taskforce zu bilden. Die Taskforce «Perspektive Berufslehre» (www.taskforce2020.ch) hat im Wesentlichen die Aufgabe, die sich verändernde Situation auf dem Lehrstellenmarkt zu beobachten, zu analysieren sowie agil und effizient für geeignete Stabilisierungsmassnahmen zu sorgen. Die Taskforce beobachtet den Übergang von der Sekundarstufe I in die Sekundarstufe II, die Phase der beruflichen Grundbildung und den Übertritt von der Sekundarstufe II in den Arbeitsmarkt oder in weiterführende Ausbildungen auf Tertiärstufe. Darüber hinaus befasst sie sich mit Lehrvertragsauflösungen aufgrund von Konkursen.

Ziel der Arbeiten ist es, Kantone und Organisationen der Arbeitswelt sowie Lehrbetriebe und Jugendliche im Hinblick auf die Besetzung der Lehrstellen bestmöglich zu unterstützen und zu stärken.

Drei Teilprojekte unterstützen die Zielerreichung:

  • Monitoring: Die Taskforce beobachtet in enger Zusammenarbeit mit den Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt die Lage auf dem Lehrstellenmarkt sowie die Situation der Lehrabgängerinnen und -abgänger. Sie stützt sich dabei auf regelmässige Erhebungen bei den Kantonen, deren Ergebnisse jeweils Anfang Monat kommuniziert werden. Dieses Monitoring hilft, frühzeitig Tendenzen und allfälligen Handlungsbedarf zu erkennen.
  • Massnahmen: Die Taskforce macht Massnahmen wie Lehrstellenförderung oder Coaching als bewährte Instrumente sichtbar und trägt zur Vernetzung der Akteure bei.
  • Finanzierung: Ein wichtiger Teil ist der speziell eingerichtete Förderschwerpunkt des Bundes. Das SBFI kann auf diesem Weg Projekte von Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt gezielt unterstützen. Die Unterstützung basiert auf dem Bundesgesetz über die Berufs­bildung (BBG) und erfolgt im Rahmen bestehender Kredite. Im ­Fokus stehen Projekte in den Bereichen Coaching/Mentoring von Jugendlichen auf Lehrstellensuche, Erhalt und Schaffung von Lehrstellen, Lehrstellenbesetzung, Erarbeitung neuer Ausbildungsmodelle sowie Vermeidung von Lehrvertragsauflösungen. Der Bund übernimmt bis zu 80 Prozent der Kosten. Entsprechende Beitragsgesuche werden zudem gegenüber anderen Finanzierungsgesuchen prioritär behandelt, damit die Vorhaben möglichst schnell bewilligt und umgesetzt werden können.

Die Taskforce baut auf bestehenden Strukturen auf. Sie setzt sich aus den Mitgliedern des Steuergremiums der Initiative Berufsbildung 2030 zusammen. Sie ist verbundpartnerschaftlich organisiert und vereint Bund, Kantone und Sozialpartner an einem Tisch. Die Zusammensetzung bewährt sich, denn oftmals betreffen Fragen wie die Intensivierung von Beratungsangeboten für Jugendliche mehrere Verbundpartner und können so gemeinsam besprochen werden.

Der Beitrag der interinstitutionellen Zusammenarbeit An den Themen Lehrstellen und Berufsbildung sind auf Bundesebene mehrere Stellen interessiert. Über ein Sounding Board pflegt das SBFI deshalb einen regelmässigen Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern des Staatssekretariats für Wirtschaft, des Bundesamts für Sozialversicherungen und des Staatssekretariats für Migration (vgl. Grafik G1). Dieser bundesinterne Dialog hat sich als äusserst wertvoll erwiesen. Mit Kenntnis über die jeweiligen Mechanismen in den anderen Zuständigkeitsgebieten lässt sich der eigene Handlungsspielraum besser ausloten. Zudem können Lücken und Doppelspurigkeiten vermieden werden und das System wird abgestimmter.

So hat zum Beispiel eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema Jugendarbeitslosigkeit aufgezeigt, welche Massnahmen für bereits gemeldete arbeitslose Jugendliche bereitstehen und welche präventiven Massnahmen Jugendliche und junge Erwachsene ausserhalb der Arbeitslosenversicherung in Anspruch nehmen können.

Dank der bundesinternen interinstitutionellen Zusammenarbeit im Sounding Board werden zudem die Schnittstellen zwischen Arbeitslosigkeit, Migrationsfragen, Berufsbildung und Invaliditätsvorsorge sichtbar. Auch können Bezüge zu Projekten hergestellt werden, die im Rahmen des Förderschwerpunktes des SBFI unterstützt werden.

Unterstützung für Jugendliche und Unter­nehmen Die Kantone und die Organisationen der Arbeitswelt spielen für die Unterstützung der Jugendlichen und Unternehmen eine zentrale Rolle. Ihr Massnahmenspektrum ist breit: Auf der Seite der Lehrstellensuchenden reicht die Palette von Information und Beratung durch die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung über Internet-Portale, Coaching und Mentoring bis hin zu Lehrstellenbörsen und «Last-Minute-Lehrstellen-Speed-Dating». Das SECO unterstützt Jugendliche, die nicht rechtzeitig eine Lehrstelle oder eine passende Anschlusslösung finden, im Rahmen der arbeitsmarktlichen Massnahmen der ALV. Für den Austausch über diese und weitere Massnahmen und das Erkennen von allfälligen Lücken ist die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Bundesstellen und den Verbundpartnern der interinstitutionellen Zusammenarbeit zentral.

Auf der anderen Seite werden die Unternehmen zum Beispiel durch die Lehrstellenförderung unterstützt. Sie können auf die Beratung der kantonalen Berufsbildungsämter zählen und profitieren von Berufsmarketing durch die Branchenverbände. Auch können mehrere Betriebe gemeinsam in einem Verbund ausbilden. Der Bund hat die Möglichkeit, die Anstrengungen der Verbundpartner über die Projektförderung finanziell zu unterstützen.

Stabiler Lehrstellenmarkt 2020 Informationsveranstaltungen und Schnupperlehren waren während des Lockdown nur eingeschränkt möglich. Danach setzte schweizweit ein eigentlicher Aufholprozess ein: In der Deutschschweiz sind 2020 kaum Veränderungen auf dem Lehrstellenmarkt zu erkennen. Gegenüber 2019 wurden bis Ende Juli 2020 in einzelnen Kantonen sogar mehr Lehrverträge abgeschlossen. In der lateinischen Schweiz startet die Rekrutierungsphase später als in der Deutschschweiz und fiel dieses Jahr in den Corona-Lockdown. Diesen Sommer lag die Anzahl abgeschlossener Lehrverträge in den Kantonen Waadt, Genf und Tessin im Vergleich zur Vorjahresperiode unter dem gesamtschweizerischen Durchschnitt. Der Rückstand, der in den Monaten April bis Juni gegenüber der Deutschschweiz verzeichnet wurde, konnte bis im August jedoch deutlich verringert werden.

Bis Ende September 2020 sind gesamtschweizerisch rund 76 500 Lehrverträge abgeschlossen worden. Dies sind leicht mehr als im Jahr zuvor (rund 76 000). Das Ziel, bis Ende Oktober die Zahlen des Vorjahres zu erreichen, wurde erfreulicherweise bereits Ende September erreicht.

Die Situation beim Übertritt von der Sekundarstufe II in den Arbeitsmarkt ist laut den Zahlen des SECO zurzeit nicht kritisch. In Krisen steigt die Zahl jugendlicher Arbeitsloser schnell an, die Zahlen erholen sich aber auch rasch wieder, sobald ein wirtschaftlicher Aufschwung einsetzt. Die Zahl der arbeitslosen Lehrabgängerinnen und Lehrabgänger stieg über die letzten Monate – ausgehend von einem sehr niedrigen Ausgangsniveau – leicht stärker an als in den Vorjahren. Im September 2020 lag die Zahl bei 2838 und damit 27 Prozent höher als im Vorjahrsmonat. Sie lag dennoch im Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Die Arbeitslosenversicherung verfügt über arbeitsmarktliche Massnahmen, mit denen sie bei Lehrabgängerinnen und Lehrabgängern gezielt intervenieren und die sie – wenn wie aktuell im Zusammenhang mit der Corona-Situation nötig – vorübergehend ausweiten kann.

Im Vergleich zu angespannten Lehrstellensituationen in früheren Jahren ist die Berufsbildung heute gut aufgestellt. Alle Kantone verfügen über ein bewährtes und erprobtes Set an Unterstützungsmassnahmen. Auch die Organisationen der Arbeitswelt setzen sich für ihre Branchen und Betriebe ein. Das Instrumentarium kann bei Bedarf ausgedehnt oder mit zusätzlichen Massnahmen erweitert werden. Zudem zeigt sich einmal mehr, dass die Lehrstellensituation je nach Kanton und Branche unterschiedlich ist. Es gibt nicht die eine richtige Lösung für alle. Deshalb sind Flexibilität und ein Bottom-up-Ansatz entscheidende Erfolgsfaktoren. Die Taskforce sorgt dabei auf nationaler Ebene für Vernetzung und Austausch.

Wird sich der Lehrstellenmarkt nachhaltig verändern? Der Lehrstellenmarkt ist verschiedenen Einflüssen ausgesetzt; es ist schwer vorauszusagen, wie er sich weiterentwickeln wird. Konjunkturelle Schwankungen konnten die Lehrbetriebe in der Vergangenheit in der Regel gut auffangen. Anders sieht es bei strukturellen Veränderungen aus. Solche können einen langfristigen Effekt haben. Es ist schwierig, verlässliche Prognosen zu machen. Ein wichtiger Indikator für langfristige Veränderungen ist, in welchem Umfang die Unternehmen 2021 Lehrstellen anbieten werden.

Ein besonderes Augenmerk ist darauf zu legen, dass die Berufsbildung attraktiv bleibt. Nach wie vor entscheiden sich zwei von drei Jugendlichen in der Schweiz für eine Berufsbildung. Das ist erfreulich, denn die Wirtschaft ist auf qualifizierte Fach- und Führungskräfte angewiesen. In verschiedenen Branchen bekunden die Betriebe jedoch Mühe, geeignete Lernende zu rekrutieren.

Wichtig bleibt, dass Bund, Kantone und Organisationen der Arbeitswelt weiterhin eng zusammenarbeiten, Herausforderungen vorausschauend angehen und Lösungen mit allen beteiligten Partnern suchen.