Ansätze zur Entlastung der sozialen Sicherung CHSS Nr. 1 ⁄ März 2016

Case Management Berufsbildung im Kanton Bern

Seit 2008 unterstützen im Kanton Bern Case Managerinnen und Manager Jugendliche und junge Erwachsene mit schwierigen Startvoraussetzungen beim Einstieg ins Berufsleben. 2016 steht der Kanton Bern vor dem Entscheid, das Case Management Berufsbildung definitiv in den Regelstrukturen des Kantons zu verankern.

2007 lancierte Bundesrätin Doris Leuthard im Rahmen der dritten nationalen Lehrstellenkonferenz das Projekt Case Management Berufsbildung (CMBB). In der Folge setzte jeder Kanton ein CMBB nach den Vorgaben des damaligen Bundesamts für Berufsbildung und Technologie (BBT) um, wobei dieses Anschubfinanzierung leistete. Um Jugendliche ohne Anschlusslösung einmalig und kurzfristig zu unterstützen, schuf der Kanton Bern 2014 eine dem CMBB vorgelagerte Triagestelle, deren Aufgabe es ist, die Betroffenen einem geeigneten Brückenangebot zuzuführen. Dadurch werden alle Jugendlichen ohne Anschlusslösung am Ende der obligatorischen Schulzeit systematisch erfasst. In einem ersten Schritt prüft die Triagestelle, ob ein Direkteinstieg in eine berufliche Grundbildung möglich ist. Falls nicht, werden die Jugendlichen in ein bedarfsgerechtes Brückenangebot angemeldet. Lediglich bei komplexen Situationen, bei welchen herkömmliche Brückenangebote keine Lösung sind, wird das CMBB in Betracht gezogen. Mit dem Ziel, Jugendlichen zwischen dem 7. Schul- und dem 25. Altersjahr auch unter erschwerten Startbedingungen den Berufseinstieg zu ermöglichen, richtet es sich daher explizit an Jugendliche und junge Erwachsene mit komplexen Problemlagen im schulischen, persönlichen, sozialen oder integrativen Bereich.

Dank der engen Zusammenarbeit aller zentralen/involvierten Akteure im CMBB (Fallführung), der institutionalisierten Kooperation mit den Sozialdiensten (Betreuungskette) und der Koordination der Brückenangebote (Triagestelle) besteht im Kanton Bern ein geschlossener und umfassender Kreislauf, um Jugendliche ohne Anschlusslösung situationsgerecht zu begleiten.

Fallbeispiel CMBB

A lebt zusammen mit seiner Mutter und seinem kleineren Bruder in einem Vorort von Bern. Vor der Geburt der Kinder sind die Eltern gemeinsam in die Schweiz geflüchtet. Als A zwölf Jahre alt ist, trennen sich seine Eltern. Äusserst besorgt um die berufliche Zukunft ihres Sohnes, engagiert sich die Mutter diesbezüglich so gut wie möglich. Zum Vater hat A jedes zweite Wochenende Kontakt. Nach der Trennung haben die Mutter und ihre Söhne eine Erziehungsberatung besucht. A wird am Ende des 7. Schuljahres von der zuständigen Berufsberaterin beim CMBB angemeldet. Der Junge hat die 5. Klasse wiederholt und zeigt gegen Ende des 7. Schuljahres eine beginnende Schulmüdigkeit. Seine Lehrer befürchten, dass er mit dieser Einstellung nach der 8. Klasse ausgeschult werden könnte. Das Ziel des zuständigen Case Managers ist es, dass A die Schulzeit mit der 9. Klasse beenden und anschliessend in eine Berufsausbildung einsteigen kann.

Im Verlauf der verbleibenden zwei Schuljahre muss A einige heikle Situationen meistern. Dank der guten Zusammenarbeit zwischen Schule und Case Manager lässt sich immer wieder eine Lösung finden. A zeigt sich zeitweilig sehr aufmüpfig gegenüber der Lehrerschaft. Trotz zweier Time-outs schafft er es, die 9. Klasse zu beenden. Für die Berufswahl kann A.s Interesse geweckt werden. Er lässt sich noch während der Schulzeit für Schnupperlehren motivieren und zeigt grosses Engagement. Gemeinsam mit einem Coach, der vom Case Manager hinzugezogen wird, findet A eine Lehrstelle als Informatikpraktiker.

Die Koordination aller Massnahmen durch den Case Manager wird von allen Parteien überaus geschätzt. Nun geht es darum, die Vernetzung mit dem Lehrbetrieb und der Berufsfachschule herzustellen und A während der Lehrzeit zu begleiten. Falls nötig, können Massnahmen wie beispielsweise die Installation einer Aufgabenhilfe eingeleitet werden.

Strukturiertes Verfahren in komplexen ­Situationen  Beim CMBB handelt es sich um ein strukturiertes Verfahren. Die Case Managerinnen und Manager übernehmen dabei die Fallführung und sorgen für ein koordiniertes Vorgehen entlang eines Regelkreises (siehe Grafik G1 ). Im Zentrum steht neben der Zusammenarbeit aller involvierter Institutionen und Partner über institutionelle Grenzen hinweg die Unterstützung zur Selbsthilfe. Die koordinierte und wirksame Führung soll zur Effektivitäts- und damit zur Effizienzsteigerung beitragen.

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Jugendliche und junge Erwachsene mit mehrfachen Schwierigkeiten wie schwachen Schulleistungen, ungenügender Motivation, mangelhaftem sozialen Verhalten, fehlender Unterstützung durch die Eltern oder gesundheitlichen Problemen werden individuell begleitet und gestärkt. Unterstützt wird zum Beispiel, wer nach der obligatorischen Schulzeit keine Lehrstelle findet, nach einem Lehrabbruch keine Anschlusslösung hat oder den Einstieg ins Erwerbsleben nicht schafft. Um Jugendliche und junge Erwachsene frühzeitig ins CMBB anzumelden, werden in den Schulen regelmässig Standortbestimmungen durchgeführt. Nach dem Subsidiaritätsprinzip werden vor einer Begleitung durch das CMBB möglichst alle schulinternen Massnahmen ausgeschöpft bzw. genutzt.

Gemeinsam mit den Eltern besprechen die Case Managerinnen und Manager und die betroffenen jungen Erwachsenen und Jugendlichen die aktuelle Situation und holen bei verschiedenen Institutionen wie Schulen, Regionalstellen zur Arbeitsvermittlung, Sozialdiensten und Lehrbetrieben weitere Informationen ein. Die Case Managerinnen und Manager koordinieren die verschiedenen Unterstützungsmassnahmen und sorgen für den Informationsaustausch zwischen allen Beteiligten. Gemeinsam werden Ziele gesetzt – eine Lehrstelle finden, diese erfolgreich abschliessen, den Einstieg ins Berufsleben schaffen – und die Massnahmen ausgehandelt, mithilfe derer das Ziel erreicht werden soll. Dazu gehören beispielsweise der Besuch einer Bewerbungswerkstatt oder eines Motivationssemesters, eine Schnupperlehre oder ein Praktikum. Mit einer Vereinbarung erklären sich betroffene Jugendliche oder junge Erwachsene bereit, aktiv am Prozess mitzuwirken und die Abmachungen einzuhalten.

Das CMBB kann nicht institutionelle, individuelle Begleitmassnahmen zur beruflichen Integration wie Lehrstellenvermittlung, Aufgabenhilfe und Arbeitstechnik ausserhalb der Schule sowie Übersetzungsdienste auch extern in Auftrag geben, wenn diese Erfolg versprechend sind.

Wenn der Lehrabschluss Gold wert ist – ein Fallbeispiel

«Schwache Schulleistungen, Probleme daheim: Es gibt viele Gründe, warum Jugendlichen der Einstieg ins Berufsleben nicht gelingt. Case Manager unterstützen im Kanton Bern junge Leute mit schlechten Startchancen. Bei vielen hilft es, aber nicht bei allen.» (Radiobeitrag SRF vom 9.6.15: www.srf.ch > Sendungen A–Z > Regionaljournal Bern, Freiburg, Wallis > Wenn der Lehrabschluss Gold wert ist) .

Betreuungskette  Mit seiner Betreuungskette stellt das CMBB sicher, dass Jugendliche und junge Erwachsene, die durch einen Sozialdienst begleitet werden, eine langfristige und konstante Begleitung erhalten. Eine frühe Erfassung erhöht in der Regel die Chancen zur beruflichen Integration. Daher fokussiert die Betreuungskette in erster Linie auf Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren, deren Eltern Sozialhilfe beziehen. Ihre berufliche Integration wird oft ungenügend begleitet und unterstützt. Die kommunalen und regionalen Sozialdienste überprüfen diese Zielgruppe daher regelmässig auf externen Begleitbedarf. Gelingt es, die Jugendlichen an eine Ausbildung heranzuführen und nachhaltig in den Arbeitsmarkt zu integrieren, werden längerfristig auch weniger junge Erwachsene zu unterstützen sein. Dies entlastet sowohl die Sozialdienste als auch die Sozialhilfe.

Auch junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 25 Jahren können durch das CMBB begleitet werden, wenn die berufliche Integration im Vordergrund steht und eine Ausbildung realistisch erscheint. Um eine Chronifizierung der Sozialhilfeabhängigkeit zu vermeiden, weisen die Sozialdienste neu angemeldete junge Erwachsene, welche die oben genannten Bedingungen erfüllen, innert drei Monaten dem CMBB zu. Junge Erwachsene, die bereits länger Sozialhilfe beziehen, werden erst zugewiesen, wenn der Sozialdienst (oder ein Beschäftigungs- und Integrationsangebot der Sozialhilfe, BIAS) die Voraussetzungen als erfüllt beurteilen.

Wird eine junge Person ins CMBB aufgenommen, übernehmen das CMBB und der zuständige Sozialdienst gemeinsam die Fallführung in getrennten Zuständigkeitsbereichen, aber mit gemeinsamer Verantwortung. Das CMBB ist zuständig für die berufliche Integration und die Triage in Brückenangebote (inkl. BIAS). Alle restlichen Aufgabenbereiche verbleiben in der Verantwortung der Sozialdienste (z. B. wirtschaftliche Hilfe, Gesundheit, Wohnen).

Finanzierung  2015 teilten sich, inklusive Leitung und Sekretariat, 22 Personen in die 15,3 Vollzeitstellen des CMBB. Davon waren 2 Stellen für die Aufgaben der Betreuungskette und 1,2 Stellen für die Aufgaben der Triagestelle vorgesehen. Vom Gesamtbudget von rund 3 Mio. Franken war knapp 1 Mio. für Begleitmassnahmen bestimmt. Jährlich wurden rund 1200 Personen im CMBB und 1500 Personen in der Triagestelle betreut.

Mit der Beendigung der Beitragsfinanzierung des Bundes muss der Kanton Bern die Wirkung des CMBB aufzeigen und Grundlagen für den Entscheid über die kantonale Weiterführung des CMBB ab 2017 liefern. Die kantonale Evaluation beziffert die Kosten für einen erfolgreichen Fallabschluss mit 16 600 Franken (Schmidlin 2015). Darin sind auch die Ausgaben für erfolglose Begleitungen enthalten. Demgegenüber verursacht eine Person ohne nachobligatorischen Abschluss ab dem 25. Lebensjahr gesellschaftliche Kosten zwischen 160 000 und 230 000 Franken (Fritschi et al. 2012).

Wirkung  Die nationale Zielvorgabe, die Abschlussquote auf Sekundarstufe II auf 95 Prozent zu erhöhen, hat der Kanton Bern bereits erreicht. Es bleibt aber das Ziel, die Abschlusszahlen der Sekundarstufe II auf diesem hohen Niveau zu stabilisieren und die Jugendarbeitslosigkeit nachhaltig zu bekämpfen. Um die gewünschte Programmwirkung zu beurteilen, prüfte die Evaluation folgende Punkte:

  • In welchem Masse erlauben es die Strukturen, Prozesse und die vorhandenen Ressourcen, die Ziele des CMBB zu erreichen?
  • Was ist konkret erreicht worden? Wie viele Jugendliche, die durch das CMBB begleitet wurden, schlossen eine Ausbildung auf Sekundarstufe II ab und integrierten sich nachhaltig in die Arbeitswelt?

Als Grundlage diente die Analyse von Dokumenten wie Leitfäden und Handbüchern sowie von Daten aus dem elektronischen Fallführungstool CM-Online. Zudem wurden mit Vertreterinnen und Vertretern der Partnerinstitutionen (Volksschule, Brückenangebote, Ausbildungsberatung, Lehrbetriebe, Sozialdienste, Case Managerinnen und Manager) Fokusgruppengespräche geführt.

Die Ergebnisse sind Erfolg versprechend. Pro Jahr werden gegenwärtig über 1200 Jugendliche und junge Erwachsene betreut und jeweils 525 neue Anmeldungen und fast ebenso viele Abschlüsse ausgewiesen. Die Begleitung bis zum erfolgreichen Einstieg in eine Ausbildung dauerte durchschnittlich 19 Monate, wobei die Unterstützungsdauer sehr individuell war und bei 25 Prozent der Jugendlichen zwischen 20 und 30 Monaten lag.image6

Insgesamt schloss das CMBB im beobachteten Zeitraum 1416 Fälle ab. Davon befanden sich 2015 646 Jugendliche entweder in einer Ausbildung auf Sekundarstufe II, hatten diese abgeschlossen oder es konnte ein Ausbildungsabbruch verhindert werden (vgl. Grafik G2 ). Damit beträgt die Erfolgsquote des CMBB im Kanton Bern 46 Prozent. Sie ist noch deutlich höher, wenn auch die Aufnahme einer Tätigkeit im 1. Arbeitsmarkt oder die Vermittlung an eine andere Stelle als Erfolg verbucht wird, obschon das Hauptziel eines erfolgreichen Sekundarstufe-II-Abschlusses verfehlt wurde (vgl. Grafik G3 ).

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Insgesamt wird dem CMBB positiv attestiert, dass eine Fachstelle die Fäden zusammenhält und dass der Begleitprozess Jugendlicher, deren Ausbildungsabschluss gefährdet ist, effizienter, übersichtlicher und nachhaltiger geworden ist. Das Netzwerk wird von den Partnerorganisationen als echte Ressource wahrgenommen und auch viele Lehrkräfte fühlen sich entlastet. Kritisch wird festgestellt, dass die Fallbelastung pro Vollzeitstelle, welche ursprünglich auf 80 festgelegt wurde, mittlerweile auf 103 gestiegen ist. Das bringt die Gefahr von Wartezeiten, strengeren Aufnahmekriterien und verfrühten Abschlüssen mit sich. Zusammenfassend weisen die Evaluationsergebnisse dem CMBB eine hohe Akzeptanz bei den Partnerorganisationen, eine beachtliche Erfolgsquote sowie eine gute interinstitutionelle Verankerung aus.

  • Literatur
  • Schmidlin, Sabina (2015): Evaluationsbericht CMBB Bern, Naters: www.erz.be.ch > Berufsberatung > Case Management Berufsbildung > Dokumente CMBB > Umsetzungskonzept und Evaluationen.
  • Fritschi, Tobias; Bannwart, Livia; Hümbelin, Oliver; Frischknecht, Sanna (2012): Gesellschaftliche Kosten der Ausbildungslosigkeit mit Fokus auf Validierung und Ausbildungsabbrüche, Bern: Berner Fachhochschule Soziale Arbeit.