CHSS Nr. 2 ⁄ Juni 2020

Arbeit dank Bildung in der Sozialhilfe

Wenn die Sozialhilfe bei der beruflichen Integration auch in Zukunft erfolgreich sein will, ist ein Umdenken nötig: Es braucht mehr Investitionen in Kompetenzförderung und Quali­fizierung. Das Sozialamt der Stadt Bern geht hier neue Wege – und profitiert dabei von Erfahrungen der IIZ-Partnerorganisationen.

In der Schweiz verfügt fast die Hälfte aller Sozialhilfebeziehenden im Alter zwischen 25 und 64 Jahren (46,4 %) über keinen Berufsabschluss. Damit ist der Anteil der Personen ohne Berufsbildung in der Sozialhilfe rund dreimal höher als in der ständigen Wohnbevölkerung (BFS 2019). Gleichzeitig weisen rund 30 Prozent der Sozialhilfebeziehenden nur ungenügende Grundkompetenzen aus (BFS 2006). Sozialhilfebeziehende bringen also oft einen vergleichsweise geringen Bildungsrucksack mit. Aus diesem Grund legt die Sozialhilfe bei der beruflichen Integration heute den Fokus stark auf Vermittlungen in den unqualifizierten Arbeitsmarkt.

Dieser geringqualifizierte Arbeitsmarkt verändert sich jedoch. Aufgrund verschiedener Megatrends in der Arbeitswelt, wie der Digitalisierung, Automatisierung und Auslagerung geringqualifizierter Arbeiten in Billiglohnländer, ist das Stellenangebot in diesem Bereich seit Jahren rückläufig – ein Trend, der voraussichtlich anhalten wird. Der Ansatz der Sozialhilfe, die oftmals geringqualifizierten Stellensuchenden möglichst rasch und direkt in den Arbeitsmarkt zu vermitteln, wird dadurch zunehmend in Frage gestellt. Wenn die Sozialhilfe bei der beruflichen Integration erfolgreich bleiben will, braucht es deshalb künftig vermehrt Investitionen in die Kompetenzförderung und in die Qualifizierung. Für die Sozialhilfe bedeutet dies einen Paradigmenwechsel, denn bis anhin war sie bei der Finanzierung von Aus- und Weiterbildungen bei Personen über 25 Jahren sehr zurückhaltend.

Die Diskussion über eine stärkere Förderung von Grundkompetenzen und beruflichen Qualifikationen in der Sozialhilfe wird zurzeit schweizweit geführt. Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) hat im Jahr 2018 gemeinsam mit dem Schweizerischen Verband für Weiterbildung (SVEB) unter dem Titel «Arbeit dank Bildung» eine Weiterbildungsoffensive lanciert (SKOS 2018), in deren Rahmen Weiterbildungen für Sozialhilfebeziehende gefördert werden sollen.

Ansätze in der Stadt Bern Das Sozialamt der Stadt Bern beschäftigt sich bereits seit mehreren Jahren intensiv mit der Kompetenzförderung und Qualifizierung in der Sozialhilfe. Die Stadt Bern legt in ihrer aktuellen Strategie zur Förderung der beruflichen und sozialen Integration für die Jahre 2018 bis 2021 einen Schwerpunkt auf diese beiden Themen. Sie investiert dabei rund 2,3 Mio. Franken in den Aufbau und die Pilotierung entsprechender Förderangebote.

Falls bei Stellensuchenden in der Sozialhilfe eine Berufsbildung möglich ist, bietet diese Investition die beste Grundlage für eine nachhaltige Ablösung von der Sozialhilfe. Für viele Sozialhilfebeziehende ist eine Berufsbildung jedoch zu anspruchsvoll. Es gilt deshalb, Bildungswege unterhalb des Berufsbildungsniveaus zu erschliessen und gezielt zu nutzen. Das Sozialamt der Stadt Bern hat zu diesem Zweck ein Stufenmodell Bildung (vgl. Grafik G1) entwickelt, das vier verschiedene Förderstufen unterscheidet. Das Modell definiert für jede Stufe einen spezifischen Förderschwerpunkt sowie Bildungsangebote, die gezielt genutzt werden sollen. Dieser Ansatz ermöglicht es, die verschiedenen Sozialhilfebeziehenden ihrem Potenzial entsprechend stufengerecht zu fördern.

Zurzeit laufen in der Stadt Bern Pilotprojekte zur Entwicklung von Kursen zur Förderung der Alltags- und Grundkompetenzen sowie zur Entwicklung von halbjährigen Fachkursen in den Bereichen Gastronomie und Reinigung. Erste Erfahrungen stimmen zuversichtlich: Es zeichnet sich ab, dass eine Förderung auf den verschiedenen Stufen mit einem Teil der Sozialhilfebeziehenden möglich ist und gerade die Fachkurse die Vermittlungschancen erhöhen. Die Bildungsangebote zeigen ausserdem eine Wirkung über die reine Wissensvermittlung hinaus, indem sie zu einer Verbesserung von Selbstvertrauen, Zuversicht und Motivation der Teilnehmenden führen und eine positive Dynamik anstossen.

Voraussetzungen für mehr Bildung in der So­zialhilfe Damit der Paradigmenwechsel hin zu mehr Bildung in der Sozialhilfe gelingen kann, braucht es aber mehr als nur geeignete Förderangebote. Auf der einen Seite ist ein politisches Commitment für diese Investitionen erforderlich – und damit verbunden sind die nötigen Mittel zur Finanzierung dieser Angebote zur Verfügung zu stellen. Auf der anderen Seite ist eine Weiterentwicklung der Prozesse in der Arbeitsintegration nötig. Dabei ist es zentral, dass vorhandenes Potenzial möglichst rasch identifiziert und gezielt gefördert wird.

Damit dies gelingt, braucht es erstens eine frühzeitige, systematische und fachlich fundierte Potenzialabklärung. Zweitens ist eine durchgehende Kompetenzorientierung während des gesamten Arbeitsintegrationsprozesses erforderlich: Von der Potenzialabklärung über die Förderung bis zur Vermittlung muss allen Beteiligten klar sein, welche Kompetenzen bei den Stellensuchenden vorhanden sind, welche Kompetenzen sie für den angestrebten Integrationsweg benötigen und auf welche Weise fehlende Kompetenzen aufgebaut werden können.

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) hat im Rahmen der nationalen Interinstitutionellen Zusammenarbeit (IIZ) ein Projekt zur Entwicklung von Instrumenten für die Potenzialabklärung umgesetzt (Laubscher 2019). Diese Instrumente können von allen Partnern der IIZ (namentlich Sozialhilfe, RAV, IV) bzw. von den umsetzenden kantonalen und kommunalen Stellen frei verwendet, bei Bedarf weiterentwickelt und ihren Bedürfnissen angepasst werden. Das Instrumentarium besteht aus vier Dokumenten (SEM 2020):

  • Erläuterungen des Vorgehens und Leitfäden der Instrumente
  • Formular «Ergebnisse der Potenzialabklärung»
  • Formular «Praxisassessment»
  • Instrumentenkoffer «Kompetenzerfassung»

Beim Instrumentarium für Potenzialabklärungen handelt es sich um einen eigentlichen Werkzeugkasten. Die aufeinander abgestimmten Formulare, methodischen Hilfsmittel und Leitfäden zeigen auf, mit welchen Verfahren (Gespräch, Praxisassessment, Test usw.) welche Ressourcen abgeklärt werden können. So können Sprachkompetenzen oder berufliche Motivationen nicht nur mit Tests eingeschätzt werden, sondern auch im Gespräch sowie aufgrund von Rückmeldungen aus Integrationskursen und Arbeitseinsätzen. Praxisassessments dienen zur Abklärung von handwerklichen Fähigkeiten sowie Sozial- und Selbstkompetenzen wie Teamverhalten, Zuverlässigkeit und Belastbarkeit. Je nachdem, welche Ressourcen zu welchem Zeitpunkt bei welcher Person abgeklärt werden sollen, wählen die Zuständigen die geeigneten Hilfsmittel aus. Das Instrumentarium enthält auch Formulare, mit denen die Ergebnisse der Abklärungen dokumentiert werden. Auf dieser Grundlage entscheidet die fallführende Person über die weiteren Schritte des Integrationsplans.

Profitieren von den Erfahrungen der IIZ-Partnerorganisationen Während eine verstärkte Investition in Bildung für die Sozialhilfe eher Neuland ist, haben verschiedene Partnerorganisationen aus der Interinstitutionellen Zusammenarbeit (IIZ) bereits mehr Erfahrung mit diesem Ansatz. So arbeitet beispielsweise das Amt für Arbeitslosenversicherung im Kanton Bern schon seit Längerem kompetenzorientiert und verfügt mit dem sogenannten Kompetenzteppich über ein elaboriertes Instrument, das als Basis für eine durchgehende Kompetenzorientierung dienen kann (Fleischmann 2019). Das Staatssekretariat für Migration wiederum hat unlängst ein neues Instrument für die Potenzialabklärung eingeführt, das im Rahmen eines IIZ-Projekts entwickelt wurde (vgl. Kasten weiter oben).

Die Sozialhilfe kann also bei der Kompetenzförderung von den Erfahrungen ihrer IIZ-Partnerorganisationen profitieren. Das Potenzial der IIZ ist in diesem Themenbereich aber noch nicht ausgeschöpft: Über den Austausch von Know-how hinaus wäre es wünschenswert, dass die Bestrebungen zur Kompetenzförderung und Qualifizierung der verschiedenen IIZ-Organisationen künftig noch stärker gebündelt und entsprechende Angebote über die Institutionsgrenzen hinweg genutzt werden könnten. Nur so lassen sich unnötige Doppelspurigkeiten in der Angebotslandschaft unterhalb des Berufsbildungsniveaus vermeiden.